4. Sonntag im Jahreskreis A

SELIGPREISUNGEN

Klaus Hemmerle

Selig,
die das Interesse des anderen
lieben wie ihr eigenes -
denn sie werden Frieden und Einheit stiften.

Selig,
die immer bereit sind,
den ersten Schritt zu tun
denn sie werden entdecken,
daß der andere viel offener ist,
als er es zeigen konnte.

Selig,
die nie sagen: Jetzt ist Schluß! -
denn sie werden den neuen Anfang finden.

Selig,
die erst hören und dann reden -
denn man wird ihnen zuhören

Selig,
die das Körnchen Wahrheit in jedem
Diskussionsbeitrag heraushören -
denn sie werden integrieren
und vermitteln können.

Selig,
die ihre Position nie ausnützen
denn sie werden geachtet werden.

Selig,
die nie beleidigt oder enttäuscht sind;
denn sie werden das Klima prägen.

Selig,
die unterliegen und verlieren können;
denn der Herr kann dann gewinnen.

Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen

In: www.klaus-hemmerle.de

 

Selig, die mit den Augen des anderen sehen können und seine Nöte mittragen, denn sie werden Frieden schaffen.

Selig, die willig sind, den ersten Schritt zu tun,
denn sie werden mehr Offenheit finden, als sie für möglich hielten.

Selig, die dem Nächsten zuhören können, auch wenn er anderer Meinung ist,
denn sie werden Kompromisse fördern.

Selig, die Kranke, Alte und Behinderte besuchen,
denn sie werden niemals einsam sein.

Selig, die mit der Heiligung am Frühstückstisch beginnen,
denn sie werden Sinn im Alltag finden.

Selig, die ihre Vorurteile überwinden,
denn sie werden die Entfeindung erleben.

Selig, die auf ihr Prestige verzichten,
denn an Freunden wird es ihnen nicht mangeln.

Selig, die Niederlagen verkraften können,
denn sie werden Menschenbrücken bauen.

Selig, die zuerst mit sich selbst rechten, bevor sie andere richten,
denn sie dürfen auf Gottes Segen hoffen”.

(Aus: Frank Reintgen, Klaus Vekkgut, Menschen-Leben-Träume. Der Firmkurs, Texte, Lieder, Bilder fürjunge Menschen. (0 Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2004)


                      

 

 

3. Sonntag im Jahreskreis A

 

DAS JOCH UNSERER ZEIT

Beatrix Senft

das Joch unserer Zeit
lastet auf meinen Schultern

auf meinen
und
auf denen so vieler
noch viel mehr

es drückt uns nieder
hält uns auf der Schattenseite

und

da soll ich mich von dir
vom Fleck weg
rufen lassen

dein Ernst

doch halt
ich würde mich gerne rufen lassen

weg von Kriegen
und
Katastrophen
von Corona
und aller anderen Not

würde gerne
in eine heile Welt
flüchten

ach

du meinst
so sei das nicht gemeint

ich soll nicht flüchten

sondern -
so wie du -
meine Augen aufmachen
und
nach rechts und links
schauen

meine Mitmenschen
mitnehmen -
so wie sie sind

mit
und
in
ihren Licht- und Schattenseiten

soll ein Netzwerk bieten
das sie bergend
und
aufrichtend umgibt

in dem wir alle -
sie und ich -
getragen sind
durch dein
MIT-UNS-SEIN

du verlangst viel
HERR
vor allem
Mut

schenke ihn mir
und
lass mich deinem Ruf folgen

Komm her, mir nach!

 

Beatrix Senft 2023.

 

SENDUNG

Bruno Forte

Leben heißt
Wagnis,
offene Möglichkeit,
Suchen und Unruhe
ausgelöst durch das Nichtverfügbare:
Unverfügbarer Gott,
du kommst von der Zukunft her:
Laß uns für dich leben,
unsem Mann stehen
ohne befriedigende Sicherheiten,
ohne blindmachende Anmaßung.
Laß uns immer unterwegs sein
zu einem größeren Licht,
damit wir das Erdreich werden,
das dich aufnehmen kann
im Herzen der Welt.
Amen. Halleluja!

Aus: Bruno Forte, Zur Freiheit hast du uns befreit. Gebet. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 1993.


ÖKUMENE

Phil Bosmans

Die erste und allerwichtigste Aufgabe
der Kirche und aller Kirchen ist
Menschen zusammenbringen und in Liebe vereinen,
und das nicht im Namen einer Lehre,
wie erhaben und schön auch immer,
sondern im Namen eines Gottes,
der Liebe ist und allein Liebe will
und darum in Jesus so ausdrücklich
und so eindringlich um Liebe bittet.
Das ist die große, aber sehr schwere Aufgabe.

Kirchen dürfen Menschen nicht aussondern,
nicht einteilen in Gute und Schlechte,
in solche, die die Wahrheit besitzen,
und andere, die sich irren.
Kirchen müssen für alle offen stehen.
Sie müssen einladen und anziehen.
Man kann Gott den Menschen nicht aufzwingen.
Kirchen müssen Magnete sein,
unwiderstehliche Magnete der Liebe.
Ökumene ist nicht möglich durch Diskussion.
Sie vollzieht sich dort von selbst,
wo Menschen mit ihrem Herzen
einander in Gott gefunden haben.

Aus: Phil Bosmans, Gott nicht zu glauben, Herder, Freiburg 4. Aufl .1991, 108

 

 

 

SEHNSUCHT IM HERZEN

Andrea Schwarz

Es gibt Tage in meinem Leben, da steckt eine geheimnisvolle Kraft in mir. Da ist es, als ob alles Verhärtete plötzlich weich wird. Da fließt es in mir, ich bin in der Bewegung, die Bewegung ist in mir.
Das sind Tage, an denen mein Lächeln ansteckt, meine Augen offen sind für Dinge, die ich sonst übersehe, da hören meine Ohren plötzlich Melodien - das sind Tage, an denen einfach alles rund läuft und rund ist.

Andrea Schwarz in: Ludger Hohn-Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


2. Sonntag im Jahreskreis A

 

WACHSEN

Andrea Schwarz

Man wird nicht einfach 50

ein neuer Lebensschritt
Abschied und Anfang
und ich irgendwie
dazwischen

natürlich
könnte ich stehen bleiben
alles an mir vorübergehen lassen
und so tun als wäre nichts

es ist trotzdem was
Altes verabschiedet sich
Neues kündigt sich an
es wird anders

die Wirklichkeit verändert sich
ich bin keine zwanzig mehr
ich muss mich neu suchen
und vielleicht finden

aber vielleicht ist gerade das die Chance
den Verlust als Gewinn sehen
das Neue als Ergänzung
das Andere als Bereicherung

und ich
entscheide mich für

neugierig sein
und werden
und bleiben
bis in den Tod hinein

Andrea Schwarz in: Weisheit für die Seele. Gute Gedanken für alle Tage. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien,

ICH SUCHE GEBORGENHEIT

Anton Rotzetter

Ich suche Geborgenheit
Hände, die sich halten
Deine Hand

Ich suche Wärme
Menschen, die sich nahe sind
Deine Nähe

Ich suche Liebe
Herzen, die sich finden
Dein Herz

Ich suche ein Zuhause
Junge Menschen, die sich bergen
Deine Gemeinschaft

Hilf mir suchen
und finden

Aus: Anton Rotzetter; Gott, der mich atmen lässt. Gebete Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1985.

MANCHMAL BRICHT DEIN LICHT

Huub Oosterhuis

Manchmal bricht dein Licht
in Menschen durch, unaufhaltsam,
so wie ein Kind geboren wird

Gedenk des Menschen,
der wird genannt: dein Kind,
dein Königreich, dein Licht.

Keine Finsternis hat ihn je überwältigt.

Huub Oosterhuis in: Weisheit für die Seele. Gute Gedanken für alle Tage. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2007.

UND ICH STREBE ZU DIR

Anton Rotzetter

In der Mitte bist du Liebe - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Güte - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Kraft - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Freude - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Friede - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Gerechtigkeit - und ich strebe zu dir
In der Mitte bist du Gott - und ich strebe zu dir

Aus: Anton Rotzetter; Gott, der mich atmen lässt. Gebete Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1985.

SEHNSUCHT IM HERZEN

Andrea Schwarz

Es gibt Tage in meinem Leben, da steckt eine geheimnisvolle Kraft in mir. Da ist es, als ob alles Verhärtete plötzlich weich wird. Da fließt es in mir, ich bin in der Bewegung, die Bewegung ist in mir.
Das sind Tage, an denen mein Lächeln ansteckt, meine Augen offen sind für Dinge, die ich sonst übersehe, da hören meine Ohren plötzlich Melodien - das sind Tage, an denen einfach alles rund läuft und rund ist.

Andrea Schwarz in: Ludger Hohn-Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


Das Fest der Taufe des Herrn

IN DIESER ZEITIT

Beatrix Senft

In dieser Zeit
uns aufmachen,
um nicht über den Jordan zu gehen,
um nicht mit allen Wassern gewaschen zu sein,
sondern, um zu den Quellen zu gehen.
Erkennen, dass auch wir den Zuspruch
durch andere benötigen.
Erbitten,
dass der andere be-reinigend,
Heil zusprechend
und verzeihend an uns handelt.
Heraus-steigen aus der Quelle,
die neues Leben stiftet.
Erfahren dürfen,
dass sich auch für uns der Horizont -
der Himmel - öffnet.
Der Stimme vertrauen,
dass wir, in Jesus,
Gott auch unseren Vater nennen dürfen.
Ein Vater, der auch uns zuspricht:
Du bist mein geliebtes Kind,
du darfst dich mir anvertrauen.

 

Beatrix Senft 2023

 

Das Fest der Erscheinung des Herrn

 

WAS IST MIR KOSTBAR, DAS KOSTBARSTE?

Elke Uhl

Dem Stern, der Sehnsucht des Herzens folgen.
Den Messias, den König der Welt suchen und finden.
Ihm huldigen

Und wenn Er mein Erlöser und mein König ist,
welche Gaben bringe ich Ihm?
Was ist mir kostbar?

Zeit statt Gold
Zeit für einander
Zeit für andere
Zeit für das Gebet

Zeit für Ihn und mit Ihm

Mein Gebet steige auf zu Dir
wie Weihrauch,
Herr, vor Deinem Angesicht
(vgl. Ps 141,2)
 
Heilende Myrrhe
Mit dem Leidenden leiden
Angst, Not, Trauer sehen und wahrnehmen
 
Das Kostbarste heute ist nicht
Gold, Weihrauch und Myrrhe
Zeit, Gebet und Mitleid
Das Kostbarste, das ich Ihm geben, Ihm überlassen kann,
ist mein Herz.
 
Und wenn Er mein Herz besitzt, werden alle meine Gaben wertvoll
Und wenn Er der König meines Herzens, meines Lebens ist,
dann kehre ich verändert und verwandelt heim,
weil ich bei Ihm zuhause bin
und Er in mir daheim ist.

 

Elke Uhl 2023

FÜHR, LIEBES LICHT

John Henry Newman

Führ, liebes Licht, im Ring der Dunkelheit, führ du mich an. Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit, führ du mich an! Behüte du den Fuß: der fernen Bilder Zug begehr‘ ich nicht zu sehn: ein Schritt ist mir genug.

Ich war nicht immer so, hab‘ nicht gewusst zu bitten: du führ an! Den Weg zu schaun, zu wählen war mir Lust – doch nun: führ du mich an! Den grellen Tag hab ich geliebt und manches Jahr regierte Stolz mein Herz, trotz Furcht: vergiss, was war!

So lang gesegnet hat mich deine Macht, gewiss führst du mich weiter an, durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach, bis die Nacht verrann und morgendlich der Engel Lächeln glänzt am Tor, die ich seit je geliebt, und unterwegs verlor.

 

John Henry Newman (dt: Ida F. Görres)

 

DAS WUNDER DES STAUNENS

feinschwarz.net

Welche wunderbare Gabe doch das Staunen ist.
Es durchbricht meinen Alltag
und gibt mir eine Ahnung
von Unendlichkeit.

Vielleicht wollte Gott deshalb nicht,
dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis esse:
weil dann das Staunen wegfällt
und der Mensch auf sich selbst
zurückgeworfen wird.

Staunen ist ein Kind der Erwartung:
Es wird geboren
aus übertroffenen Erwartungen
und unerwartet erfüllten Sehnsüchten.

In der Bibel beginnt das Staunen
in der Gegenwart Gottes
aus Freude über seine machtvollen Taten
und seine Hilfe in der Not.

Die Hirten und Könige staunen
angesichts des neugeborenen Kindes.
Und auch der Gottessohn
war sicher erstaunt
wie sich das Menschsein anfühlte.

Und niemand staunt so schön
wie ein Kind
in unverstellter Freude
über kleinste Dinge.

Staunen verbindet mich
unmittelbar mit dem
der mir die Schönheiten des Lebens schenkt.
Das menschliche Staunen
wird mir damit
zum Zugangstor für Gottes Liebe.

 

Johann Pock auf feinschwarz.net:
https://www.feinschwarz.net/staunen-die-adventliche-tugend/


HAUSSEGEN DER STERNSINGER AM DREIKÖNIGSTAG

Herbert Jung

Der Herr segne diesen Ort,
den ihr eure Heimat nennt,
und schenke euch den Frieden,
der vom Gott der Liebe kommt.
Er schenke euch sein gutes Wort,
das heilen kann und trösten will,
damit die Macht der Not
nicht so im Übermaß.
Er zeige euch den Stern der Zuversicht
in jeder dunklen Nacht,
vor allem den von Betlehem,
damit ihr wisst, wohin es geht,
und dass die Zukunft ihm gehört.
Das wünschen euch der Caspar
und der Melchior
und auch der Dritte, Balthasar -
sie waren heute für euch da.
Amen.

Aus: Herbert Jung, Das große Buch der Segensgebete. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2013.



 

 

Zum Jahresende 2022

                            DAS UNBESCHRIEBENE BLATT

Beatrix Senft

Da liegen sie
die „Blätter meines Lebens“

Tagebuch-Aufzeichnungen

und die vielen „Blätter“
der Erinnerungen -
gespeichert in dem
was wir wohl unser Herz oder
unsere Seele nennen

mit je eigener Schrift –

mal mit großen Schwüngen
als Ausdruck
von Freude und Lebenskraft

mal klein und gekritzelt
weil es uns schwer fällt
die Schwere in Worte zu fassen

mal stehen da nur große Fragezeichen
weil ich es nicht
fassen konnte
dieses
WARUM
weil ich es nicht
fassen konnte
dieses
WESHALB

hier und da stehen „Leerräume“
Ausdruck vielleicht
dass alles einfach ganz gut
„lief“

möchte ich die Zeiten
die dort „stehen“
noch mal erleben

gerne gehe ich noch mal
in Erinnerung
in die eine oder andere
ZEITSPANNE
hinein

aber
noch einmal erleben
das hieße auch
schwere Zeiten
noch mal
durch-leben

nein
das möchte ich nicht

alles hat seine Zeit
alles hat seine Stunde

und jetzt

jetzt liegt das Kommende
wie ein leeres Blatt
vor mir

wie wird es sich
beschreiben

wie viel
leichte Schwünge werde ich machen

wie viel
werde ich nur hin-kritzeln können

wo entstehen Leerzeichen
wo wieder nur große Fragezeichen

ein leeres Blatt

zu beschreiben
in Stunden
in Tagen
in Wochen
in Monaten -
VIELLEICHT

wird es das letzte Blatt sein

liegen noch viele Kapitel
vor mir
mit je neuem Blatt

ein leeres Blatt

mit der Aufforderung
es zu beschreiben

jetzt
heute
hier

in der Schriftart
die mir
gerade heute
entspricht

das ist dein Geschenk
an mich
Herr
für diesen Moment

geschenkt aus deiner Ewigkeit

dankend nehme ich es entgegen
und
schreibe
wie es kommt

 

Beatrix Senft (2021)

 

FÜRBITTE ZUM JAHRESSCHLUSS

Michael Meyer

Herr,
du hast uns voll Unruhe geschaffen,
du hast uns zu Fremden gemacht
in dieser Welt.
Laß uns unruhig sein
über unser geringes Werk.
Laß uns unruhig sein
über die Größe deiner Güte.
Laß uns unruhig sein
über die verrinnende Zeit
und jede verlorene Stunde.
Laß uns unruhig sein
über unsere Sünde
und die Schuld aller Menschen.
Laß uns unruhig sein
und dein Gericht erwarten in jedem Augenblick.
Laß uns unruhig sein
und in der Unruhe Glauben halten.
Laß uns unruhig sein,
bis dein Wille geschieht unter uns.
Vater,
mit der Bitte, daß du in Segen wandelst,
was in unserer Hand verdorben ist,
gedenken wir aller,
denen wir im vergehenden Jahr begegnet sind,
der Menschen,
die wir lieben,
und derer,
die uns zu schaffen machen;
aller gedenken wir,
denen wir nahe waren,
aller,
die uns fremd und feind wurden,
und aller,
die wir verloren haben.
Segne sie - segne uns!

Aus Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1988.



 

FRIEDE

Roland Breitenbach

Das ist mein Segenswunsch
zum Ende des Jahres:
Dein Außen und dein Innen
mögen mehr und mehr zusammenfinden.
Das Hohe und das Tiefe,
das Gerade und das Schiefe,
mögen sich begegnen und ergänzen.
Aus Freude und aus Trauer,
aus der Angst und der Wut,
möge wachsen und bleiben
neuer, starker Lebensmut.
Das und noch so vieles mehr
gibt der Friede Gottes her.

Aus: Roland Breitenbach / Stefan Philipps, Segen für Dich. Ein Begleiter durch das Jahr. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2005.



 

DAS JAHR GEHT HIN, NUN SEGNE DU

Arno Pötzsch

1. Das Jahr geht hin, nun segne du
den Ausgang und das Ende.
Deck dieses Jahres Mühsal zu,
zum Besten alles wende.

2. Du bleibst allein in aller Zeit,
ob wir auch gehn und wandern,
die Zuflucht, schenkst Geborgenheit
von einem Jahr zum andern.

3. Hab Dank für deine Gotteshuld,
den Reichtum deiner Gnaden.
Vergib uns alle unsre Schuld,
die wir auf uns geladen.

4. Und segne unsern Eingang nun.
Hilf, Herr, in Jesu Namen.
Dein Segen g'leit all unser Tun
im neuen Jahre. Amen.

Arno Pötzsch (1942) in: EG Rheinland 551.



 

BESSERE ZEITEN

Roland Breitenbach

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lass die Grenzen
zwischen den Menschen überflüssig werden.
Lass Menschen kein falsches Geld machen,
aber auch das Geld keine falschen Menschen.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Ehemänner an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere jene Beamten,
Geschäftsleute und Arbeiter,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.
Herr, sorge dafür,
dass wir alle in den Himmel kommen,
aber nicht sofort.

(Segensworte, dem Pfarrer von St. Lamberti (Münster) aus dem Jahr 1888 zugeschrieben)



 

EINE GUTE NACHRICHT

Antonio Sagardoy

Weihnachten erinnert uns an einen guten Gott, der die Nähe des Menschen sucht, um ihn wieder zu einem Menschen im vollen Sinn zu machen. Weihnachten führt uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes vor Augen und erinnert uns zugleich an die Verwandlung, die im Herzen des Menschen geschehen kann, wenn er sich auf Gott einlässt.

Aus: Antonio Sagardoy, Weihnachten anders, Wien, 2009.



 

Weihnachten feiern heißt,

 

Gott zu erlauben, auch in meine Welt zu kommen.

 

Weihnachten feiern heißt, Gott zu erlauben,

 

das Dunkel meines Lebens mit seinem Licht zu erleuchten.

 

Weihnachten feiern heißt, daran zu glauben,

 

dass, seitdem Gott Mensch geworden

 

und uns das Licht in der Krippe aufgestrahlt ist,

 

nichts mehr so bleiben muss, wie es bislang war:

 

Vorausgesetzt wir nehmen das Licht an,

 

sein Licht, Jesus Christus,

 

der das Dunkel dieser Welt erhellen will. (Thomas Diener)

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen /Euch allen

ein fröhliches

friedvolles,

gnadenreiches,

gesegnetes Weihnachtsfest.

 

Ihr/Euer

Pater James MSFS GR

Missionare des Hl. Franz von Sales

 

 

TROTZIGE WEIHNACHTEN

Johann Pock, Hans Pock

Weihnachten ist das große „Trotzdem“ Gottes
angesichts der Ignoranz des Menschen:
    „Er kam in sein Eigentum - doch die Seinen
    nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11)

Weihnachten trotzt der Macht
     und setzt ihr die Ohnmacht des Kindes
    entgegen.

Weihnachten trotzt den Konventionen
     und ermöglicht Unerwartetes:

     Eine unverheiratete Jungfrau wird zur
          Gottesgebärerin,
     Heu und Stroh sind das Lager des Königs,
     einfache Hirtenmusik ersetzt
          Posaunenklang.

Trotzig sein ist also manchmal
     die göttliche Reaktion
     auf menschliches Unverständnis:

     Trotz der Fehler des Menschen - Mensch
         werden.
     Trotz ihrer Ablehnung - die Menschen
         lieben.
     Trotz des Todes am Kreuz - die
         Menschen retten.

Gott ist ganz schön trotzig
     - das ist unser Glück.

 

Johann Pock, Weihnachten 2019.

EINE WEIHNACHTSLEGENDE

Selma Lagerlöf

Es war einmal ein hartherziger Hirte, der sich und anderen nichts Gutes gönnte. Eines Nachts kam ein Mann zu ihm und bat um Feuer. Doch der hartherzige Hirte hetzte seine Schäferhunde auf den Fremden. Diese bissen ihm ins Bein und in seine Hand, und einer hängte sich sogar an seine Kehle. Aber zum großen Erstaunen des Hirten zeigten die Bisse keinerlei Wirkung. Der fremde blieb völlig unverletzt.
Nun war der Fremde ganz nahe gekommen und sagte zu dem Hirten: "Guter Freund, hilf mir, leih mir ein wenig von deinem Feuer. Meine Frau hat soeben ein Kind geboren, und ich muss ein Feuer machen, um den Kleinen zu wärmen."
Da erwachte in dem Hirten wieder der alte Menschenhass. Da er wusste, dass weit und breit kein Eimer und keine Schaufel zu finden waren, um die glühenden Kohlen fortzutragen, sagte er zu dem Fremden: "Nimm von den glühenden Kohlen, so viel du brauchst." Und seine Schadenfreude begann zu wachsen.
Da hob der Fremde die glühenden Kohlen mit bloßen Händen auf und legte sie in seinen Mantel, und weder seine Hände noch sein Mantel wurden verbrannt. Der hartherzige Hirte wunderte sich zutiefst und fragte den Fremden: "Was ist das für eine seltsame Nacht heute?"
Da gab der Fremde zur Antwort:
"Mit Worten kann ich dir das nicht beschreiben. Komm mit und sieh!"
Der Hirte ging mit. Und sie kamen zu einem Viehstall. Im Stall kniete die Mutter neben ihrem Kind, das in einem Futtertrog lag. Etwas weiter hinten standen ein Ochse und ein Esel.
Da wurde die verhärtete Seele des Hirten weich. Das eiskalte Herz begann zu schmelzen, als der das frierende und zitternde Kind sah.
Und er nahm seinen dicken Mantel und deckte das Kind damit zu. Tränen standen in seinen Augen, und er fiel auf die Knie - vor diesem Kind.

Ein Kind kann eisige Herzen auftauen. Die Heilige Nacht ist jedes Jahr eine einmalige Chance, das Kind aus der Krippe in dein Herz zu legen. Und du wirst dich wundern, wie dieses Kind dich verändert und wie das Eis in deinem Herzen zu schmelzen beginnt.

Selma Lagerlöf in: Bardeler Adventsmeditationen, Osnabrück.

MENSCH WERDEN

Corinna Mühlstedt

Mensch werden:
das Herz öffnen
und die Hände empfangen
und geben.

Lichter setzen
im Dunkel.

Selbst zum
Licht werden.

Eins werden
Mit dem Licht.

Corinna Mühlstedt in: Unterwegs zum Licht, Weihnachtliche Worte und Weisen, Weihnachtssonderband, Herausgegeben von Ulrich Sander, Freiburg.



 

 

 


 

 

 

 

 

PULSIERENDES LEBEN

Roland Breitenbach

Gerecht sein wie Johannes der Täufer.
Eins zu eins, und noch ein bisschen mehr.
Gerecht sein wie der Zimmermann Josef,
eintreten für Frau und Kind, und für andere auch.
Gerecht sein wie Jesus,
auf Augenhöhe gehen zu den Menschen,
sogar noch unter sie.
Dann pulst in dir das Leben von Martin Luther King,
von Mutter Teresa, von Adolph Kolping,
und von den Vielen, die dem Evangelium gefolgt sind.
Dann treibt uns der Geist Jesu
zur größeren Gerechtigkeit.
Dann ist Ankunft des Herrn.

Aus: Roland Breitenbach / Stefan Philipps, Segen für Dich. Ein Begleitbuch durch das Jahr. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2005.

WEG DURCH DIE WÜSTE

Silja Walter

Du selbst bist der Weg
durch die Wüste der Welt,
du selbst, unser Gott.
Dein Kommen allein
hat durch Dürre und Sand
eine Straße erstellt,
für dich. –

Du selbst bist der Weg
durch die Wüste der Welt,
du selbst, unser Gott.
Dein Kommen
Befreit und erhellt
Auch mich. –

Aus: Silja Walter: Kommunionpsalter, Herder-Verlag, Freiburg 1985

 

 

SEGEN

Roland Breitenbach

Sei gesegnet mit einem großen Ja zur Welt,
aber lasse nichts, wie es ist.
Sei gesegnet mit einem großen Ja zum Menschen,
aber begnüge dich nicht mit Barmherzigkeit.
Sei gesegnet mit einem großen Ja zu dir selbst,
aber bleibe offen für andere.
Sei gesegnet mit einem großen Ja zu Gott,
aber lasse ihn nur machen,
er macht alles gut.

Aus: Roland Breitenbach / Stefan Philipps, Segen für Dich. Ein Begleitbuch durch das Jahr. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2005.



 

 

EMPFANGSBEREIT

Beatrix Senft

empfangen wird Maria
sie
die um gar nichts gebeten hat

ein Zeichen erhält sie
im Erscheinen des Engels
im Zuspruch Gottes

JA sie
die um kein Zeichen bat

das setzt voraus
dass sie
mitten im Alltäglichen
auf Empfang war
dass sie ein Gespür
dass sie eine Bereitschaft
für Außergewöhnliches hatte

dass sie empfangsbereit war

für das Wort
das an sie ging
und
für dessen Annahme
und
für dessen „Umsetzung“

JA
dass sie empfangsbereit war
damit das Wort geboren werden könnte

und

so durfte sie empfangen
den
der für die Welt
der Erlöser werden sollte

empfangen
annehmen
einlassen
entgegennehmen

sie war empfindsam
an-rührbar
empfindungsvoll
feinsinnig

und
durfte die Erwählte sein

Herr
sprenge die Ketten
meiner Empfindungslosigkeit

und

mache auch mich
EMPFANGSBEREIT
für dein Wort
für deinen Auftrag
deinem Sohn zu folgen

damit er
im
HIER UND HEUTE
in mir
ja
in uns allen
neu geboren werden kann
zum Heil der Welt

 

Beatrix Senft 2022.

 



 

 

 

2. Advent  _ Johannes der Täufer

JOHANNES DER TÄUFER

Ilse Pauls

Als Geschenk empfangen
zuerst zweifelnd nicht erkannt
Sein Name bringt Erlösung
zeigt Gottes Gnade auf
Er spürt seine Bestimmung
als Wegbereiter
als Rufer in der Wüste
als Täufer
Er erfüllt seine Aufgabe

 

Ilse Pauls 2022

 

ADVENTLICH

Beatrix Senft

A   aufmachen
D   Durststrecken ertragen
V   verlorengeglaubtes Vertrauen wiederfinden
E   ersehnen
N   noch Hoffnung haben
T   Tor und Tür des Herzens öffnen

adventlich unterwegs sein
an jedem Tag
weil sein Kommen
täglich geschehen kann

nicht nur im Advent

 

Beatrix Senft 2022

 

WÜSTENRUFER

Beatrix Senft

Wüstenrufer
du Johannes
zurückgezogen
allen „Weltenglanz“
abgelegt
einfache Kleidung
nur das Lebensnotwendigste haben

und doch alles

eine Überzeugung

die du auch
den scheinbar tauben Ohren
zurufst

du mahnst und
warnst

du siehst
die Not

du rufst
und forderst auf
zur Umkehr

und bezeugst
das Heil ist nahe

auch wir
in großer Not

wir
2022

und so viele Rufer

so viele Stimmen
pro und
contra

so viele Stimmen
die meinen zu wissen
und doch nicht wissen

wie und
wann

doch eins ist sicher
das Heil
kommt nicht vom
Gegeneinander

das Heil kommt
auch heute
nur aus der einen Botschaft

uns in Liebe und
mit Verständnis
zu begegnen

damit Leben für alle
möglich bleibt

 

Beatrix Senft 2022

 

WIE EINE KLEINE WÜSTE

Beatrix Senft

da liegt sie vor mir
diese Knolle
sieht aus
wie zusammengerollter Heckenschnitt
geordnet
und doch irgendwie gekraust

bei der Aufnahme in meine Hand
widerspenstig
wie ein Yuccaschwamm
und
riecht nach Erde

in sich zusammengezogen –
als Schutz –
auf der Unterseite aussehend
wie ein Vogelnest

die Rose von Jericho
auch Wüstenrose genannt

im Betrachten
kann ich nicht wissen
wie alt sie ist
sie kann fast unendlich alt sein

lege ich sie in eine Schale
und
übergieße ich sie mit warmem Wasser

und

ganz langsam
entfaltet sie sich
streckt sich mir entgegen
ganz vorsichtig
Zweig für Zweig
bis sie sich –
wie eine Schale –
ganz geöffnet hat

eine Wüste
die nach Erde riecht
und
neu erblüht

mitten im „Wüstengeschehen“
öffnet sie sich
wird zum neuen „Reis“
gebiert sich neu
und
muss sich später wieder
in ihr „Wüstensein“ begeben
weil sie sonst fault

Rhythmus des Lebens
HOFFNUNGSPFLANZE

ja Hoffnungszeichen

auch ich darf
und kann neu erblühen –
mitten
in den Wüstenerfahrungen
meines Lebens

darf mich beschenken lassen
von der lebensspendenden
Kraft des Glaubens

sie wird mir geschenkt
ist für mich bereit

bin auch ich bereit?

 

Beatrix Senft 2022

 

 

                                                             1. Advent 2022

ADVENTSGEBET

Michael Lehmler

gott
die tage werden immer kürzer
die dunkelheit wird immer länger
lass uns darin die chance sehen
zum atemholen zu kommen

gott
der advent ist eine zeit des wünschens
wir können uns selbst und andere
besser kennenlernen und uns einfühlen
wir dürfen einander kostbar sein

gott
die rührseligkeit kann uns öffnen
für die not des nächsten und der welt
die finsternis lehrt uns achtsamkeit
und die notwendigkeit aktiv zu sein

gott
wenn es die zeiten zulassen
gibt es treffen und feiern
gemeinsamkeit ist lebenswichtig
machen wir unser herz weit für gott

 

Michael Lehmler 2022


 

HALTEN WIR UNS BEREIT!?!

Beatrix Senft

spüren Sie sie vielleicht auch
diese Glocke
die sich
wie ein zu dicker Ballon
über uns spannt

unter der sich
die Belastungen dieser Zeit
breit machen
und
die Schreie von Not und Leid
von allen Wänden widerhallen

in der wir uns
wie gefangen fühlen
wie eingekerkert in uns selbst

zu so vielen Zeiten
haben die Menschen so empfunden
anders als wir
und
doch gleich
in der Schwere der Belastungen

doch sie machten sich auf -
oft auf langen Wegen -
zu entkommen

doch sie bauten ein Schiff
das über die Flut trägt

alle nicht wissend
ob die Hoffnung sich erfüllt

aber sie bewegten sich
der Hoffnung entgegen

bin ich bereit
meinen Ballon platzen zu lassen
damit sein Stunde kommen kann

vielleicht wird es auch nur
eine Minute
eine kleine Ahnung

vom Göttlichen
vom GOTT MIT UNS

gebe ich dem eine Chance
damit Advent

SEINE ANKUNFT

in mir werden kann

 

Beatrix Senft 2022

 

GEBET ZUM ERSTEN SONNTAG IM ADVENT

Huub Oosterhuis

Wende dich nicht ab.
Wenn du dich abwendest,
verwelkt die Erde,
flaut der Himmel ab.

Wende dein Auge nicht von uns ab.
Der du uns gekehrt hast zu dir,
daß wir mit unverhülltem Antlitz
dein Licht zurückstrahlen.

Doch versunken sind wir in saugendem Morast,
und unsere Füße finden keinen festen Boden.
Zertreten haben unsere Füße dein Wort,
zertrampelt deine Rechtssätze.
Verachtet haben wir die Namen der Geringsten,
all diese Verworfenen, deine liebsten Menschen.
Geschändet haben wir deine liebe Erde,
verachtet dein Bild, deinen Gleichen,
verleugnet deinen Namen.

Wir, diese Welt,
wir Erben von Raubbau und Gewalt -
die dies nicht wollen und doch
nicht imstande sind, das Los abzuwenden.

Und doch deine Menschen, von dir gemacht,
um diese Erde zu behüten:
Überlaß uns nicht unserer Erschütterung,
erwecke unser Gewissen,
erleuchte unseren Verstand.

Der du gesagt hast,
daß du nie fahren läßt
das Werk deiner Hände:
Beschäme uns nicht.

Gesegnet, der du uns erweckst und nicht entwertest.
Gesegnet du für dein Wort,
das uns entlarvt, doch nicht vernichtet.
Gesegnet du für deine Achtung vor Menschen,
und daß du auf uns deine Hoffnung gesetzt hast,
daß du auf uns deine Augen gerichtet hältst.

Laß nahe kommen
dein Wort von Befreiung.

Aus: Huub Oosterhuis, Um Recht und Frieden. Gebete im Jahreskreis. Patmos Verlag, Düsseldorf 1989.


 

 

I

Kirche - VERSTÄNDNISHILFEN

Werner Schaube

Wenn ich "Kirche" sage,
damit wir uns nicht falsch verstehen,
meine ich nicht nur Papst, Bischöfe,
und die da oben.

Wenn ich "Kirche" sage,
damit wir uns nicht falsch verstehen,
meine ich nicht das Haus aus Stein,
Beton oder Marmorblöcken.

Wenn ich "Kirche" sage,
denke ich an Menschen, die leben,
Gemeinden, die geben,
an dich und mich.

Wenn ich "Kirche" sage,
damit wir uns nicht falsch verstehen,
meine ich nicht Gesetze, Formeln und Riten,
nicht Angst, sondern Wagnis.

Wenn ich "Kirche" sage,
denke ich an Jesus Christus,
an die Freundschaft Gottes mit den Menschen,
denke ich an uns.

Aus: Werner Schaube, Rufsäule. Versuche zu beten. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1986.

IMMER VON NEUEM

                                                                                         Rose Ausländer

Immer von neuem sterben
und auferstehn

Die Fremde meine Heimat
Unbekannt meine Geschwister

Ich bin eine Tote
die lebt
und das Leben liebt

Rose Ausländer, Gedichte, Frankfurt a.M: S. Fischer Verlag 2001.

DAS EWIGE LEBEN DEM, DER VIEL VON LIEBE WEIS

Else Lasker-Schüler

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön ...
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen -
Denn ich muß andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen.
Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!
Haß schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Else Lasker-Schüler: Gedichte 1902-1943, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1988.

WAS WERDEN WIR UNS SEIN?

Beatrix Senft

noch sind wir verwurzelt
hier auf Erden
doch wir gedenken
all euch Lieben
die ihr schon dem Himmel
entgegengewachsen seid

was immer wir uns waren
in unserer Liebe sind und
bleiben wir verbunden

bis kommt unsere
neue
gemeinsame Zeit
in der sich alles zusammenfügt
in Gottes unermesslicher Liebe

in Unendlichkeit

dann werden wir uns
„einfach“
in IHM
und
allem
nahe sein

 

Beatrix Senft 2022

  • 1

Helene Renner

Die Botschaft
gilt dir
und mir
und uns allen

Wir sind eingeladen
zum Leben
zur Lebendigkeit
zum Leben in Fülle

Die Zusage gilt
Sie gilt auch für uns

Wir sind erlöst
zum Leben befreit
um andere zu befreien
um Verantwortung zu übernehmen
um sich zu engagieren
im Dienst für die Menschen
im Dienst Gottes

Ja Herr
wir wollen deiner Zusage trauen
auf dein Wort hin
wollen wir gehen
und den Menschen sagen
Jesus lebt
und
auch wir
werden leben

BITTE UM VOLLENDUNG DER VERSTORBENEN

Kyrillosliturgie

Die Seelen aller Entschlafenen, Herr,
deren wir gedacht und deren wir nicht gedacht haben,
lasse ruhen im Schoß unserer heiligen Väter
Abraham und Isaak und Jakob.
Ernähre sie an einem Ort de Grüns über einem Wasser der Ruhe,
im Paradies des Wohllebens,
am Ort, aus dem Herzeleid und Trauer und Seufzen geflohen sind,
in dem Licht deiner Heiligen.
Erwecke aber auch ihren Leib an dem Tage,
den du nach deinen wahrhaftigen Verheißungen bestimmt hast.
Schenke ihnen deine guten Verheißungen,
welche kein Auge gesehen und kein Ohr gehört haben
und welche nicht in das Herz der Menschen gedrungen sind,
welche du denen bereitet hast, die deinen heiligen Namen lieben.
Denn keinen Tod gibt es für deine Diener,
sondern es ist ein Hinübergehen (in eine andere Welt).
Wenn sie aber gefehlt haben oder vergesslich waren in einer Sache
als Menschen, die Fleisch tragen und in der Welt leben,
geruhe du als guter und Menschen liebender Gott, ihnen
zu vergeben.
Denn niemand ist rein von Sünde,
auch wenn sein Leben nur einen Tag auf dieser Erde währt.
Uns aber, Herr, gewähre ein Ende
in vollendetem und dir wohlgefälligem christlichem Leben!

Kyrillosliturgie in: Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Herausgegeben von Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill. Hohe Verlag, Erfstadt 2007 (2003).

 

 

 

DANK FÜR DIE MUTTER

Petit-Senn

Herr, ich danke dir für meine Mutter.
Von ihr habe ich die erste Liebe erfahren.
Sie hat mich ins Leben eingeführt
und meine Kindheit behütet.
Sie hat mir ihre Zeit und Kraft geschenkt.
So ist ihre Liebe immer größer geworden.
Sie hat für mich gelebt und gearbeitet.
Sie hat mich leben und lieben gelehrt.
Zu ihr konnte ich immer kommen.
Bei ihr habe ich Trost gefunden,
sie wusste mir immer Rat und Hilfe.
Mit ihr konnte ich Freud und Leid teilen.
Sie hat mit mir gelitten und getragen.
Sie war mir der liebste Mensch.
Nun hat sie ihre Bestimmung erreicht.
Nichts ist verloren von ihrer Liebe.
Sie liebt mich jetzt noch mehr.
Auch meine Liebe zu ihr ist gewachsen.
Herr, ich danke dir für meine Mutter
und für alles Gute, das du ihr getan hast.
Für alles Schöne, das sie erleben durfte,
für alles Wertvolle, das sie geschaffen hat,
für alles Liebe, das sie gesagt hat,
für alles Ernste, das sie durchlitten hat,
für alles Schwere, das sie getragen hat.
So ist sie meine Mutter gewesen.
Ich danke dir, dass ich diese Mutter hatte.

Der Tod einer Mutter ist der erste Kummer,
den man ohne sie beweint.

Ruth Rau in: Beten mit Trauernden. Totenwachen und Gedenkgottesdienste. Hrsg. Erwin Löschberger, Bischöfliches Pastoralamt der Diözese Graz-Seckau, Bischofsplatz 4, A-8010 Graz.

 

ORT DER ERINNERUNG

Ruth Rau

Es ist gut, dass es einen Ort
gibt für unsere Erinnerung.
Einen Ort,
zu dem wir gehen können
in unserer Trauer,
einen Ort,
den wir mit Blumen
schmücken,
um unsere Liebe
noch ein Stück weit
nachzutragen.
Einen Ort der Nähe
und der inneren
Zwiesprache.
Und doch gilt für alle diese
Gedenkstätten die
Botschaft,
die der Engel aus der
ewigen Welt der Zeitlosigkeit
brachte:
"Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden."

Ruth Rau in: Beten mit Trauernden. Totenwachen und Gedenkgottesdienste. Hrsg. Erwin Löschberger, Bischöfliches Pastoralamt der Diözese Graz-Seckau, Bischofsplatz 4, A-8010 Graz.

  • 3

Helene Renner

Heilig werden wir,
wenn wir füreinander das Brot brechen.

Heilig werden wir,
wenn wir bereit sind miteinander zu teilen.

Heilig werden wir,
wenn wir uns von den anderen beschenken lassen.

Heilig werden wir,
wenn wir aufeinander hören.

Heilig werden wir,
wenn wir uns den Mitmenschen zuwenden.

Heilig werden wir,
wenn wir einander die Hand zur Versöhnung reichen.

Heilig werden wir,
wenn wir den Frieden suchen.

Heilig werden wir,
wenn die Liebe unser Leben bestimmt.

Heilig werden wir,
wenn wir tun,
was uns Jesus vorgelebt hat.

Helene Renner (2019)

SELIG
die das Wohl der Anderen lieben wie ihr eigenes
denn sie werden ihren Egoismus überwinden

SELIG
die immer bereit sind den ersten Schritt zu tun
denn sie werden für Frieden und Einheit sorgen

SELIG
die nie sagen: jetzt ist Schluss
denn sie werden einen neuen Anfang finden

SELIG
die zuerst hören und dann reden
denn man wird ihr Wort aufnehmen

SELIG
die eine andere Meinung gelten lassen
denn sie werden integrieren und vermitteln können

SELIG
die ihre Macht nie missbrauchen
denn sie werden geachtet werden

SELIG
die unterliegen und verlieren können
denn

dann kann GOTT gewinnen

nach einem unbekannten Verfasser

ZACHÄUS HEUTE

Beatrix Senft

es gibt sie auch heute noch
die
die von Erscheinung
und
Größe
unscheinbar sind

deren soziale Stellung
oder ihr Beruf
uns ein Nasenrümpfen hervorlockt
die nicht in unseren
erhabenen „Dunstkreis“ passen

die
die es tief in sich spüren
dass wir sie nicht
in unserer Mitte wollen

sie
die wohl auch alle Anstrengungen
unternehmen würden
um DICH zu sehen
um von DIR Zuspruch zu erfahren
deine heilvollen Worte zu hören
und
die sich freuen würden
wenn wir sie in deinem Namen
„wahr-nehmen“ würden

KOMM
ICH WILL GERNE BEI DIR EINTRETEN

und

sie würden uns freudig
bei sich aufnehmen
und mit uns teilen ihr Leben
und
uns erzählen
was ihr Leben ausmacht
wo sie versuchen Gutes zu tun
mit ihren kleinen bescheidenen
und größeren Mittel

es ist unser verschlossener Blick
unser Dünkel
der sie nicht sieht
nicht sehen will
und
so ziehen wir weiter
und
sie bleiben zurück

verpasste Chancen
für beide Seiten
verpasstes gemeinsames
Leben
und
Verstehen

 

Beatrix Senft 2022

ZACHÄUS HEUTE

Ilse Pauls

Kann es sein,
dass wir den Menschen
den Weg zu Gott
versperren
mit unseren
vorgefassten Meinungen,
unseren apostolischen
Bemühungen,
mit unserem so vorbildlichen
Leben? –
Mit unseren
starren Rücken
bilden wir eine Mauer,
und die Menschen
können Jesus nicht sehen,
der gerade vorübergeht. –
Wer steigt heute noch
auf einen Baum?

 

Ilse Pauls, „Auf dem Weg“ Gedichte. EDITION D’ART International .

AUGENBLICKE DER SEHNSUCHT

Ilse Pauls

Nicht nur abgenützte Worte:
das Sehnsuchtsohr
hört das entscheidende Wort,
das im Herzen brennt.
Das Sehnsuchtsauge
sieht alles, das lebendig wurde,
was tot war,
das Sehnsuchtsherz spürt,
dass heil wird,
was krank war,
dass wiedergefunden wird,
was verloren war.
Der Sehnsuchtsmensch
handelt überraschend,
springt auf,
steigt auf Dächer,
klettert auf Bäume,
berührt Jesu Gewand.
Die Sehnsucht
zu schauen
und zugleich von Ihm
gesehen zu werden
erfüllt sich
in einem Augenblick.

 

Ilse Pauls

 

WER, WENN NICHT DU, SOLLTE MICH VERSTEHEN?

Guido Erbrich

Lieber Gott!
Ich habe lange nicht mehr gebetet,
denn ich hielt es für Aberglauben oder Kinderkram.
Ich weiß auch nicht, warum ich es jetzt gerade tue,
und auch nicht, ob es überhaupt richtig ist,
dass ich bete und wie ich bete.
Ich habe so viel auf dem Herzen
und möchte es niemanden sagen außer dir.
Du kennst mich vielleicht besser als ich mich selbst.
Oft denke ich, dass keiner mich richtig versteht.
Und manchmal bin ich mir selbst ein Rätsel.
Lieber Gott, kannst du mir nicht einen Wege zeigen?
Einen Weg, der mich zu dir und zu mir selber führt.
Kannst du mir nicht immer wieder den Mund öffnen,
damit ich mich getraue, mit dir zu sprechen, ehrlich und frei?
Kannst du mir nicht Mut machen,
so zu sein, wie ich wirklich sein möchte?
Wer, wenn nicht du, sollte mich verstehen?

Erbrich, Guido; zum Beispiel : du, Gebete für junge Menschen; Leipzig, St. Benno Verlag, 2002.


 


DU BIST NIE NUR EINS

Sonntagsgruß - Konvent der Kamillianer

Sie kennen das Bild vom Wasserglas, das zur Hälfte gefüllt ist.
Der Optimist sagt: Es ist halb voll.
Der Pessimist sagt: Es ist halb leer.
Der Realist sagt nichts, aber nimmt einen Schluck.

Das Gleichnis des Sonntags beschreibt die ersten beiden Typen.
Der eine ist von sich überzeugt. Er stellt sich vorne hin. Er beschreibt alle seine Vorzüge. Er wartet auf seine Belobigung durch Gott. Ist er der Optimist?
Der andere ist mit vielen Selbstzweifeln belastet. Seine Sehnsucht war nicht die Belobigung. Das Evangelium beschreibt seine Bitte so: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lk 18,13) Ist er der Pessimist?

Jesus wird der Realist: "Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden." (Lk 18,14)

 

Aus: Sonntagsgruß 97. Jahrgang 2022 - 30. Sonntag im Jahreskreis 23. Oktober 2022

IM SCHATTEN DEINER FLÜGEL

Aurelia Spendel OP

Im Schatten deiner Flügel dürfen unsere Schatten leben
und sich entscheiden für Dunkelheit oder Licht.
Immer sind sie aufgehoben so wie wir, ganz.
Hole heraus aus allen Tiefen, was uns quält und fesselt.
Halte in deiner Hand, was wir verbergen wollen.
Gott, Öl und Duft für Leib und Seelen,
Wärme und Halt, Kühlung und Freiheit.
Gott für uns, ganz.

 

Aurelia Sprendel OP
in: Benedikta Hintersberger OP (Hrsg); Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Düsseldorf Klens Verlag 2006.

VERGEBUNG

Thomas Schwartz

Oft hoffst du darauf,
dass dir Schuld vergeben werde.

Oft schaust du mit mulmigem Gefühl
auf diesen Tag der Aussprache.

Du weißt nicht, ob du fähig sein wirst,
um Verzeihung zu bitten.

Du fürchtest dich davor,
dass sie ausgeschlagen werden könnte.

Mögest du stets erkennen,
dass es deinem Gegenüber genauso geht.

Sei deshalb stark im Vergeben,
denn das ist Gottes Werk,
an dem du teilhaben darfst.

 

Thomas Schwartz
in: Thomas Schwartz; Segen voller Leben. Gute Worte für alle Tage Freiburg Herderverlag 2017
.

ER HÖRT

Beatrix Senft

lachend
weinend
klagend
singend
tanzend
bittend
zweifelnd
lobend

trete ich vor DICH

alles ruf ich dir entgegen

hörst du
oder
hörst du
nicht?

hör ich nur mein eigenes Rufen
oder
werde ich auch still vor dir

dass ich deine Antwort finde -
tief hineingelegt in mir

du brauchst meine Worte nicht
denn
du weißt auch ohne Worte
stets um mich

DANKE
dass ich trotzdem alles
was mich ausmacht
bringen darf

und

schenke mir Bereitschaft
dass ich DICH auch HÖREN mag.

 

Beatrix Senft 2022

GOTT ALS SEELENKLEMPNER

Beatrix Senft

egal
wo du sitzen magst
ich schreie es dir entgegen
dieses kleine Leben
das mich so häufig
in die Knie zwingt

hört mir ja sonst keiner zu
und du
kannst dich ja nicht wehren
dort auf Wolke sieben
oder sonst wo

was?
du konterst zurück
und
schickst uns
dein menschgewordenes Wort

dass wir in
IHM
einen Weg sehen
der Heil uns verheißt
einen Weg
der auch vor den Schrecken
des Lebens nicht bewahrt

das ist deine Antwort?
deine Therapie?

deine Antwort ist

Nachfolge
und
AUF-ERSTEHEN

heute
morgen
ewiglich

 

Beatrix Senft 2022

 

  • 3

Helene Renner (2019)

Gott
solange wir leben
wollen wir dich dankbar loben
für alle Gaben, die du uns gegeben hast
wir wollen sie nicht nur für uns verwenden
sondern auch denen geben
die es notwendig brauchen

Gott
geh mit uns, lass uns nicht allein
lass uns deinem Wort und deinem Beispiel folgen
in der gemeinsamen Feier deine Kraft erfahren
und neu gestärkt in den Alltag gehen

Gott
sende uns aus
lass uns zum Segen werden
wenn wir versuchen
zu helfen, zu teilen und zu heilen
und einander Brüder und Schwestern zu sein

  • ABBA

    Ilse Pauls

    Abba,
    Vater,
    Du gibst mir
    Atem,
    Leben,
    hast mich
    gewollt,
    bist mir
    zärtlich
    wie eine Mutter,
    bist mir Nahrung.
    Ich atme
    Dich ein,
    bin geborgen
    bei Dir,
    im Ausatmen
    überlasse
    ich mich Dir,
    gebe mich hin,
    füge mich
    in Deinen Willen,
    bin ganz leer,
    um erneut
    wieder
    Dich
    einzuatmen.

     

    Aus:Ilse Pauls, Späte Ernte. Gedichte. Rhönverlag Hünfeld 1996.

  • NOCH GLAUBEN FINDEN?

    Beatrix Senft

    von früh auf habe ich gelernt
    Herr
    zu dir zu rufen

    in Formeln
    und
    eigenen Worten

    dir hinzuhalten
    alles was mich ausmacht

    ob ich immer den rechten Ausdruck finde
    ob ich immer ehrlich bin mit mir selbst

    ich weiß es nicht
    doch ich bin mir sicher

    DU WEISST UM MICH

    und unsere jungen Leute

    die
    die dich noch suchen
    mit einer tiefen Sehnsucht
    nach Sinn
    nach Erfüllung
    nach Begleitung

    denen die alten Formeln nichts mehr sagen
    und
    die doch vor dich tragen möchten
    was sie
    in Lachen und Weinen
    im Erfüllten und Unerfüllten
    im Suchen und Sehnen

    in sich tragen

    Herr
    gib uns den Mut
    Wege zu suchen
    sie zu ermutigen
    dir
    alles
    was sie ausmacht
    hinzuhalten

    schenke uns Toleranz
    wo ihre Ausdrucksformen
    unsere nicht treffen

    schenke uns
    dass wir mittragend
    sie ihre Wege
    zu DIR
    finden lassen

    schenke uns -
    Jungen wie Alten -
    dass wir noch
    Glaubende und Hoffende
    auf dieser Erde sind

    im Namen
    des Evangeliums
    deines Sohnes

     

    Isabell Goede, Focus Online, 04.07.2018.

Helene Renner (2019)

Gott
solange wir leben
wollen wir dich dankbar loben
für alle Gaben, die du uns gegeben hast
wir wollen sie nicht nur für uns verwenden
sondern auch denen geben
die es notwendig brauchen

Gott
geh mit uns, lass uns nicht allein
lass uns deinem Wort und deinem Beispiel folgen
in der gemeinsamen Feier deine Kraft erfahren
und neu gestärkt in den Alltag gehen

Gott
sende uns aus
lass uns zum Segen werden
wenn wir versuchen
zu helfen, zu teilen und zu heilen
und einander Brüder und Schwestern zu sein


 

NUR DER ZEHNTE

Pfarrbrief

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen.
Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!
Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Als die zehn Aussätzigen bemerkt hatten, dass sie geheilt waren, kannte ihre Freude keine Grenzen.
Einer lief sofort zu seinen Freunden und konnte nicht aufhören, seine Heilung zu feiern.
Der zweite, ein Familienvater, konnte es nicht erwarten, seine Frau und seine Kinder in die Arme zu schließen.
Der dritte, ein Kaufmann, nahm sofort seine Geschäfte wieder auf, die inzwischen im Argen lagen.
Alle drei wollten Jesus danken, doch verschoben sie es auf morgen, immer wieder auf morgen.
Der vierte war zu schüchtern, um allein zu Jesus zu gehen, und niemand ging mit ihm.
Der fünfte konnte kein angemessenes Geschenk finden, um gebührend zu danken.
Der sechste fand sein Haus inzwischen von anderen bewohnt und stritt um sein Recht.
Der siebente wollte an seine Krankheit und seine dunkelsten Stunden einfach nicht mehr erinnert werden.
Alle dachten sich: auf einen einzigen wird es doch nicht ankommen.
Der achte musste erfahren, dass sein Mädchen inzwischen einen anderen Freund hatte; er zürnte Jesus, dass er ihn dabei im Stich gelassen hatte.
Der neunte befürchtete, Jesus könnte von ihm verlangen, ihm nachzufolgen.
Nur der zehnte ging spontan zu Christus zurück.
Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.

Aus dem Pfarrblatt Graz-Graben, Oktober/November 1998.

DEN STANDPUNKT VERÄNDERN

Hermann Josef Coenen

Wenn du den Standpunkt veränderst,
sieht alles ganz anders aus.
Ein mitgenommenes Kind etwa erlebt den Sommerschlußverkauf ganz anders als eine Mutter.
Der Dialysepatient fühlt sich anders als die Krankenschwester.
Der Urlauber sieht mit anderen Augen als die Pensionswirtin.
Die Organistin nimmt einen Gottesdienst anders wahr als der Prediger.
Der Standpunkt verändert die Perspektive und damit die Wahrnehmung
und das Gefühl und vielleicht sogar unser Handeln.
Verändere mal probeweise deinen Blick-Winkel:
Leg dich auf eine Sommerwiese ins Gras zwischen die Kühe ...
Oder — wenn du dich traust — auf das Pflaster in der Fußgängerzone,
so daß du nur Beine siehst wie der Bettler, der dort sitzt ...
Geh in die Hocke vor einem Rollstuhlfahrer ...
Lebe als Test mal einen Monat lang vom Satz der Sozialhilfe ...
Übernachte mal in einem Asylantenheim,
auf der Bank einer Bahnhofsmission in einer fremden Stadt ...
Betrachte Tee oder Bananen mit dem Blick der Pflückerin in Sri Lanka und des Landarbeiters in Brasilien ...
Versetz dich mal in die Lage und in die Gefühle eines serbischen Freiheitskämpfers ...
Opfer und Sieger haben eine völlig verschiedene Perspektive.
Vielleicht fängst du mit deinen Übungen ganz klein an:
Mach einen Krankenbesuch!
Aus der Froschperspektive oder »über den Wolken« sieht die Welt ganz unterschiedlich aus:
Manches Große wird klein. Und Kleines wird groß.
Weihnachten — so heißt es — hat Gott seinen Standort verändert.

Aus: Hermann Josef Coenen, Freiheit, die ich meine. Patmos Verlag, Düsseldorf 1995.

 

 

FÜRBITTE

Michael Meyer

Unser Gott,
rufe uns weiter
an den Tisch der Brüder und Schwestern
zu Christi Mahl.
Heile so die Gemeinschaft,
die gestört ist
zwischen den Menschen unserer Tage,
daß sie sich finden
am Tisch ihres Bruders —
Habende und Arme,
Gesunde und Kranke,
Fröhliche und Bedrückte,
Wissende und Zweifler,
Fromme und die voller Fragen.
Vater,
wir bitten dich,
suche die,
die nichts sind,
unter den Vielen heraus
und lade sie ein
zu dir.
Wecke dadurch die Müden,
daß sie sich wieder freuen.
Gib den Verbitterten
einen getrösteten Blick
auf die Tage, die kommen.
Umfange die Sterbenden
mit deiner Nähe.
Baue deine Kirche aus uns allen
und durchdringe
unser verkümmerndes Leben
mit dem Ruf
zu dir,
zum Leben,
zur Ewigkeit.

Aus: Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen1988.


 

 

 

HERR, BRICH EIN IN UNSER LEBEN

Heinz Pangels

HERR,
brich ein in unser Leben,
das geprägt ist von Angst und Ohnmacht,
von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit,
von Kälte und Hartherzigkeit.

HERR,
brich ein in unsere Welt
des Ständig-Leistung-erbringen-Müssens,
der gnadenlosen Konkurrenz,
des gierigen Strebens nach Gewinn.

HERR,
brich ein in unsere Welt
der verschobenen Werte:
Wir sind geneigt, zu verschwenden,
anstatt zu teilen.
Wir isolieren uns häufig,
anstatt solidarisch zu sein.
Uns liegt mehr daran, zu besitzen,
als etwas zu sein.

HERR,
brich uns Menschen auf,
brich unsere Herzen auf,
brich unsere Seelen auf,
bringe uns das Licht Deines Geistes,
damit wir dem Menschen
und dem Leben
wieder mehr Raum geben!

HERR,
komm DU zu uns herab,
denn in DIR ist
Hoffnung für eine bessere Welt,
Zuversicht in ein menschenwürdiges Leben
und Wärme für ein sinnvolles Menschsein.

 

Heinz Pangels nach einem Text eines unbekannten Autors aus dem Gebetsheft „IN IHM SEIN“ von Pfarrer Franz Haidinger, A 4802 Ebensee 2009.

 

VATER

Huub Oosterhuis

Du stelltest mich dir vor:
der Mensch, der ich sein werde,
wenn ich dein Wort vollbringe.

Du hast mich gekehrt
von dir ab,
nach jener Zukunft hin.
Deine Stimme in meinem Rücken:
»Ich werde sein mit dir.«

Und ich ging -
du legtest einen Pfad vor meine Füße.

Und ich wurde ich,
der dies denkt,
der dies sagt.

Und du, ohne dich umzusehen,
ohne Vorbehalt,
wurdest mein Vater.

Aus: Huub Oosterhuis, Um Recht und Frieden. Gebete im Jahreskreis. Patmos Verlag, Düsseldorf 1989.



 

DER MICH UMWIRBT

Huub Oosterhuis

Der mich umwirbt,
den ich hab abgewehrt,
solang es ging.

Der mich nicht zerrte,
nicht drängte, nur winkte
über die Schwelle.

Der den Schleier meiner Angst
nicht fortriss, nur aufhob.

Dessen Stimme allein
mich so berührte,
dass ich nachgab.

War von Gerüchten
über dich gelähmt.
Jetzt ohne Ängste
endlich
erwart ich dich.

Der mich umwirbt,
den ich hab abgewehrt,
solang es ging.

Aus: Huub Oosterhuis, Ich steh vor dir. Meditationen, Gebete und Lieder, herausgegeben von Cornelis Kok unter Mitarbeit von Birgitta Kasper-Heuermann und Annette Rothenberg-Joerges. Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2004.

WIE EINE MUTTER SORGT

Huub Oosterhuis

Wie eine Mutter sorgt
für Kinder, die ihr anvertraut,
und einsteht, dass sie leben:
So wirkt ein Gott der Liebe, keine Stund
verlässt er uns.
Nicht mehr verstummt das Wort,
das er uns hat gegeben.

Es nimmt uns bei der Hand,
das Wort, geduldig führt es uns
aus Angstland weg zur Freiheit.
So trocken, heiß, so unbegehbar schräg -
so hoch der Weg -
zwing mich nicht, ihn zu gehen,
wenn nicht du selbst mir nah bleibst.

Ein Wasserfall von Licht,
von Freude und bewährter Hoffnung,
Einsicht und Vertrauen:
So kommst du über Menschen, und dein Wort
treibt mich nun fort.
Noch weiß ich nichts von dir,
einst werde ich dich schauen.

 

 

 

MEIN TRAUM VOM „GELADEN-SEIN“

Beatrix Senft

wenn ich einst geladen werde
geladen werde
aus diesem irdischen Leben
in die sichtbare Nähe Gottes

dann

werde ich bei IHM willkommen sein
mit allem
was mein irdisches Leben
ausgemacht hat

und

ER
wird mir noch einmal
das lebendige Wasser
der Taufe hinstellen
und
mir abwaschen allen Staub
des irdischen Lebens
und
wird mich neu kleiden
in mein Taufkleid

und

ER
wird mich empfangen
mir freudig entgegenkommen

und

ich werde IHM ganz nahe sein
denn
es wird keine Rangordnung mehr geben

wir werden
IHM –
als sein Geschenk an jeden Einzelnen –
einfach nahe sein dürfen

es wird nicht mehr wichtig sein
welchen Rang
welchen Titel
ich im irdischen Leben führte
auch nicht
was ich besessen habe

dort werde ich nur noch sein
als sein geliebtes Kind
das zum liebenden Vater heimgekehrt ist

so also will ich sammeln
die kleinen Achtsamkeiten der Nächstenliebe
damit ich sie ihm als Geschenk hinhalten kann
und sagen kann
„Vater, du schicktest mich 'sammeln';
viel ist es nicht,
aber ich habe mich gemüht.“

und

ER
wird sie entgegennehmen
wie einen großen Schatz
und
sich daran erfreuen

und wir alle werden uns freuen
ganz ohne Platz- und Machtkamp
IHM
einfach ganz nahe zu sein

das wird ein Fest sein.

 

Beatrix Senft (2022)


 

 

MARIÄ HIMMELFAHRT

Elke Uhl

Maria, die Gott aufnimmt.
Gott nimmt Maria auf
in den Himmel, in sein Reich, bei sich.
Er nimmt Maria zu sich.
Ganz und gar.
Mit Leib und Seele.
 
Maria, die Gott aufnimmt.
Und warum?
Gott hat Maria von Anfang an,
angenommen, aufgenommen
in seinen Heilsplan.
Das nahende, beginnende Reich Gottes auf Erden.
 
Maria, die Gott aufnimmt.
Beginn der neuen Schöpfung.
Maria als neue Eva.
Rein und makellos.
Frei von Sünde.
Ohne die Sünde Evas und Adams.
 
Maria, die Gott aufnimmt.
Sie gehört ganz Gott.
Mit Leib und Seele.
„Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben..“ (Lk 1,53)
Maria lässt Gott in ihr Leben.
„Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38)
Sie lässt Gott in ihrem Leben wirken und wirklich werden.
Sie sagt Ja zu Gott, zu Jesus.
Ja mit Leib und Seele.
Zu Jesus, zu seinem Leben und unter dem Kreuz.
Sie vertraut seinem Wort, seiner Verheißung.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Joh 11,25)
 
Maria, die Gott aufnimmt.
Gott nimmt Maria auf.
Mit Leib und Seele.
 
 Aber was hat das mit mir, mit dir, mit uns zu tun?
 
In der Taufe nimmt Gott mich an
als sein Kind.
Er gibt mir Anteil an seinem Reich, an sich, an Jesus.
Er befreit mich von Sünde.
Auch von der Sünde Adams und Evas.
Aber ich bleibe nicht frei von Sünde.
Falle zurück in alte Muster.
In die Fallstricke von Schuld und Sünde.
 
Will ich mich von Jesus beschenken lassen?
Von seiner versöhnenden, verzeihenden Liebe.
Hungert es mich nach seiner Liebe?
Nach ihm.
Ganz und gar.
Mit Leib und Seele.
 
Will ich ihn wirken lassen?
Wirksam werden lassen.
Ihn wirklich werden lassen in meinem Leben und in mir.
 
„Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)
„Dies ist mein geliebter Sohn, … auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5)
Will ich auf Jesus hören?
Ihm gehören.
Mit Leib und Seele.
Und auf ihn vertrauen.
Ihm vertrauen.
Dass er mich am Ende aufnimmt.
Bei und in sich.
Mit Leib und Seele.

 

Elke Uhl 2022

 

MAGNIFIKAT HEUTE

Dorothee Sölle

Es steht geschrieben, dass maria sagte,
meine seele erhebt den herren
und mein geist freut sich gottes meines heilands
denn er hat die niedrigkeit seiner magd angesehen
seihe von nun an werden mich selig preisen alle kindeskinder

Heute sagen wir das so
meine seele sieht das land der freiheit
und mein geist wird aus der verängstigung herauskommen
die leeren gesichter der frauen werden mit leben erfüllt
und wir werden menschen werden
von generationen vor uns den geopferten erwartet

Es steht geschrieben dass maria sagte
denn er hat große dinge an mir getan der da mächtig ist
und dessen namen heilig ist
und seine barmherzigkeit währt von geschlecht zu geschlecht

Heute sagen wir das so
die große veränderung die an uns und durch uns geschieht
wird mit allen geschehen - oder sie bleibt aus
barmherzigkeit wird geübt werden wenn die abhängigen
das vertane leben aufgeben können
und lernen selber zu leben.

Es steht geschrieben dass maria sagte
er übt macht mit seinem arm und zerstreut die hochmütigen
er stürzt die gewalttätigen von ihren thronen
und die getretenen richtet er auf

Heute sagen wir das so
wir werden unsere besitzer enteignen und über die
die das weibliche wesen kennen werden wir zu lachen kriegen
die herrschaft der männchen über die weibchen wird ein ende nehmen
aus objekten werden subjekte werden
sie gewinnen ihr eigenes besseres recht

Es steht geschrieben dass maria sagte
hungrige hat er mit gütern gefüllt
und die reichen leer hinweggeschickt
er denkt der barmherzigkeit und hat sich
israels seines knechts angenommen

Heute sagen wir das so
frauen werden zum mond fahren und in den parlamenten entscheiden
ihre wünsche nach selbstbestimmung werden in erfüllung gehen
und die such nach herrschaft wird leer bleiben
ihre ängste werden gegenstandslos werden
und die ausbeutung ein ende haben.

Aus Dorothee Sölle, Die revolutionäre Geduld, Berlin 1974.

 

ZUM TODE EINES FREUNDES

unbekannte Herkunft

das beste,
was wir tun können,
wir können uns in erinnerung rufen,
dass wir ihn hatten:
seine hoffnung und kraft,
seine güte und liebe,
seine freude und sehnsucht.

das beste,
was wir tun können,
wir können fortsetzen,
was er angestrebt hat:
aufnehmen, was er uns hinterlassen hat;
weitergeben, was wir an ihm hatten;
kämpfen für das, was ihm kostbar war.

das beste,
was wir tun können,
wir können hoffen,
für ihn und für uns:
dass nichts vergeblich war,
weder sein tun noch sein hoffen;
dass gott ihm treu ist;
dass gott uns allen nahe ist,
er, der gott der lebenden.

Aus: Mitten im Tag, Junge Menschen suchen, fragen beten. Gebetsbuch für Jugendliche und junge Erwachsene. Hildesheim, 1982.



 

DIE ERNÄHRUNGSSTÖRUNGEN NEHMEN ZU

Dorothee Sölle

Eine flasche cola enthält mehr zucker
als meine großmutter im monat zu sich nahm
            die übersättigung unter der wir leiden wird aufgebaut
            um den hunger nach speise umzubauen
            in das bedürfnis nach etwas besonderem
nicht hungrig und nicht satt
stecke ich etwas in mich hinein

Eine tageszeitung enthält mehr halblügen
als meine großmutter im monat zu sich nahm
            die übersättigung mit unglück
            an dem wir eh nichts ändern können
            wird aufgebaut um den hunger nach gerechtigkeit umzubauen
            in das bedürfnis nach etwas besonderem
nicht traurig und nicht erfreut
lese ich etwas in mich hinein

Ein satz aus dem morgenprogramm enthält mehr geschwätz
als meine großmutter im monat zu sich nahm
            die übersättigung an einer sprache die nichts sagt
            wird aufgebaut um die teilnahme zugrundezurichten
            und unsern wunsch mit worten jemanden zu berühren
            lächerlich zu machen
nicht ernst und nicht spielend
rede ich etwas aus mir heraus

In diesen zeiten ein mensch zu werden
ist etwa so möglich wie
daß ein kamel durch ein nadelöhr geht

dorothee sölle, spiel doch von brot und rosen. gedichte. Wolfgang Fietkau Verlag, Berlin 1998.

EUCHARISTEIN ODER DANKSAGEN

Wolfgang Dettenkofer

Die Erde ist herrlich, geschenkt ist uns Frieden.
Wir haben zu essen, Heimat wird uns durch euch.
Und da sollten wir nicht jubeln in Dankbarkeit?

Wir feiern den Sonntag, das Hasten hat Pause.
Wir gehören euch gänzlich, uns trägt, dass ihr da seid.
Und da dürften wir nicht feiern und dankbar sein?

Wir sind doch Geliebte, Söhne und Töchter des nahen
und freundlichen Gottes. Er geht unseren Weg mit!
Und da wollt ihr nicht tanzen vor Freude und Dank?

Er hauchte uns Geist zu, macht alles lebendig.
Sein Feuer durchglüht uns, wir leben und lieben.
Sollte das niemand merken, wären wir noch die Seinen?

Wir denken an Jesus, den Sohn der Maria.
Wir wollen bedenken, was er uns gesagt hat.
Gibt er sich als Brot uns, macht trunken von Freude?

Geschlachtet wird nimmer, gesiegelt nicht mehr mit Blut!
Wer immer setzt sein Leben ein, wird diesem Christus zugehörn.
Dankt ihr für den Bundesschluss, für diese Abgrundgnadenzeit?

Wir feiern das Leben, die Zeit unsres Daseins
entgrenzt sich nach oben. Angst hat da nicht Raum mehr.
Blüht in uns die Hoffnung, trägt Frucht schon der Dank?

Wolfgang Dettenkofer, vertont von Christine Klinger.

Wolfgang Dettenkofer, ehem. Berufsschulreligionslehrer, Eisenbartlingerweg 2, D-83093 Bad Endorf, e-mail: hwdkha@t-online.de.

 


FEUER UND FLAMME

Beatrix Senft

In einer Zeit in der so viele FEUER brennen
und
Menschen und Umwelt
innerlich und äußerlich zerstören

soll ICH –
ja ICH

die kleine Flamme der Hoffnung
von Liebe und Mitgefühl
von Anteilnahme
und
verzeihendem Neubeginn
hüten und nähren

damit ein Gegen-Feuer
die schlimmen Feuer
der Verwüstung erstickt???

wer bin ich
dass ich das vermag
habe ich nicht
genug damit zu tun
meine kleine Flamme
von Glauben und Hoffen
für mich
„am Brennen“ zu halten

und dann
erfahre ich

im Unterwegssein
in den Aufgaben
die mir gerade anvertraut sind

Momente

in denen mein Lächeln
meine Hand auf der Schulter eines alten Menschen
in einer Anfrage
oder
in einem rechten Wort
auch im gemeinsamen Schweigen können mit Trauernden
auch darin –
keine schnelle Lösung anbieten zu „müssen“

ja dass in diesen Momenten
die mir
und
meinem Gegenüber
geschenkt sind

ein kleines Leuchten aufflammt –
eine kleine Flamme der Hoffnung
in den Augen und Herzen
Kraft bekommt

und

dann sind es schon zwei
die dieses „Gegenfeuer“ setzen

und

manchmal darf ich spüren
da geht einer mit
der setzt meine Worte
der setzt meine Schritte

von IHM
lasse ich mich führen
mit IHM
gehe ich gerne mit

mit meiner kleinen Flamme
die so oft zu verlöschen droht

 

Beatrix Senft (2022)


 

 

 

Glauben?

 

 Ich glaube – sagte ich zu einem Freund!

 Halt! Warum glaubst du eigentlich?

 

Weil andere dich im Glauben erzogen haben?

 Weil du es in der Schule so gelernt hast?

 Weil das hier zu Lande noch so üblich ist?

 Weil die Glaubenden scheinbar noch die Mehrheit haben?

 Weil du dir über deinen Glauben nicht allzu viele Gedanken machst?

 Da antwortete ich: Du sollst wissen, warum ich glaube:

 Ich glaube, weil ich nicht glauben kann, dass immer nur Lüge und Gewalt das letzte Wort haben,

dass Menschen in Unfrieden gegeneinander leben müssen, dass letztlich alles sinnlos ist.

 

Deswegen glaube ich, weil ich nicht glaube, dass alles Zufall ist.

 Weil ich glaube, dass mich die Liebe am Leben hält.

 Weil ich glaube, dass es Einen gibt, der den Sinn von allem kennt.

 Deswegen glaube ich. Und das ist schön, wenn ich deswegen glauben kann.

 Dann glauben wir gemeinsam, dass Jesus von Gott gekommen ist, um zu zeigen, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass das Leben über den Unglauben siegt, dass so das Reich Gottes entsteht.

 

 

WIR BITTEN DICH FÜR ALLE MENSCHEN

Huub Oosterhuis

Wir bitten dich für alle Menschen,
die mit uns leben
unter demselben Himmel,
für die Mitbewohner unserer Stadt,
unseres Hauses,
für unsere Nachbarn und Bekannten,
für unsere guten Freunde.
Und wir versuchen auch zu bitten, Gott,
für alle, denen wir aus dem Weg gehen,
die uns fremd sind,
die wir nicht lieben können.

Huub Oosterhuis in: Karl Heinz Bierlein (Hrsg); Wenn Worte fehlen. Gebete. Claudius Verlag München, 1989.



 

MIT AUSGEBREITETEN ARMEN

Beatrix Senft

mit ausgebreiteten Armen
kommst du uns
Gott
entgegen

entgegen
mit einer Liebe
die noch viel mehr ist
als väterliche
oder mütterliche Liebe

denn DU bist die LIEBE

in deinen Armen
dürfen wir uns bergen
mit aller Freude
mit allem Schmerz
mit unseren Erfolgen
und Misserfolgen
mit unserem Versagen
das auch Schuld kennt

deine Arme fangen uns auf
bergen uns
trösten uns
Freude teilend
verstehend
verzeihend
Hoffnung schenkend

ich lasse mich
in deine Arme fallen

„Vater, hier bin ich,
ich, dein Kind.“

 

Beatrix Senft (2022)

 

    • GEGENSÄTZE?

      Beatrix Senft

      Martha
      sich sorgend
      dass alles weitergeht
      in Haus und Hof und Garten
      dass es läuft
      das Leben der Lieben

      das heißt fürsorglich –
      auch gastfreundlich – sein
      alles im Blick haben

      im Privaten und Dienstlichen
      ALLES IM GRIFF
      gerade in der heutigen Zeit
      heißt das oft
      Doppelbelastung

      alles im Griff
      alles im Blick
      auch mich???

      manche „Martha“ –
      auch mancher „Martin“ –
      mögen daran zweifeln

      wie ganz anders Maria
      sie entzieht sich
      dem „Trubel“ des Lebens
      setzt sich zu Jesu Füssen
      um ganz Ohr zu sein
      ganz zu verinnerlichen
      was er sagt
      und wird gelobt
      „Sie hat den guten Teil gewählt.“

      hat sie den besseren Teil gewählt???
      hat sie die gesamt Lehre Jesu verstanden???

      ich glaube
      die besten Zugänge zum „Leben“
      zu uns selbst
      und
      zu Gott
      können wir finden
      und
      sinn-erfüllt leben
      wenn wir dem Hl. Benedikt folgen

      ORA ET LABORA – bete und arbeite

      beten – das heißt:
      Sinnfindung –
      über das Weltliche hinaus
      besinnen
      auf das Wesentliche
      hören
      was mir zugesprochen wird
      Rückzug
      aus der Betriebsamkeit der Welt

      um bei mir selbst
      und
      bei Gott
      anzukommen

      beten
      innerhalten
      rück-besinnen
      in den ganz unterschiedlichen Formen
      und Zugängen

      um dann

      mein Arbeiten
      aus einem guten Blickwinkel
      sehen zu können
      ohne mich selbst zu verlieren
      ohne mich selbst zu überfordern

      dann können beide „Seelen“
      sich zu einem Guten verbinden

      Marias und Marthas

      bei jeder Frau –
      bei jedem Mann

      ORA ET LABORA
      bietet auch unserer Zeit
      eine gute Chance

      nutzen wir sie!?

       

      Beatrix Senft (2022)

    • 1

    Helene Renner (2019)

    Gott begleite uns mit seinem Segen.
    Er mache uns frei von allem „du musst“ und „man tut“,
    frei von einengenden Erwartungen anderer.

    Er gebe uns Mut, den eigenen Weg zu gehen.
    Er behüte uns,
    so dass wir uns nie verlassen fühlen
    und hilflos den Umständen ausgesetzt.

    Offene Augen und Ohren schenke uns Gott,
    dass wir seine Wunder jeden Tag erkennen
    in all den unscheinbaren Dingen des Alltags.

    Frieden gebe er uns
    und ein Lächeln für jeden Tag.
    Wenn wir uns selbst zu ernst nehmen,
    schenke er uns ein großes Lachen.

    Herausforderungen, die uns anregen,
    funkelnde Gedanken,
    starke Gefühle und genügend Ruhe
    schenke er uns.

    Jede Stunde, jeden Tag
    möge er uns segnend nahe sein.

    (nach einem alten irischen Segensgebet)

                                                                                               Beatrix Senft (2022)

    Gott,
    der um alles weiß, was uns ausmacht,
    segne uns
    in unserer Geschäftigkeit und
    in unseren Ruhephasen.

    Er segne uns,
    wenn unsere Sinne blockiert sind
    und wenn wir mit allen Sinnen auf Empfang sind.

    Er segne uns in unseren verhaltenen Schritten
    und in den zielgerichteten.

    So segne uns der Gott,
    den wir zu fassen versuchen
    als den Vater und den Sohn und den Hl. Geist.
    Amen.

     

     

     

    EINZIGARTIGE

    Beatrix Senft

    Manchmal brauchen wir diese Auszeit des Lebens,
    um wieder einen Blick für uns selbst und für andere zu bekommen.
    Manchmal können es Kleinigkeiten sein, die uns dazu anregen.
    Der folgende Text malt uns hierzu ein Bild von Sonne, Meer und mehr.


    Einzigartige

    Muscheln, mit der Faszination der vielfältigen Farbenpracht.
    Muscheln, mit der Faszination der vielfältigen Formen.
    Muscheln, mit der Faszination der vielfältigen Strukturen.

    Muscheln, geprägt durch ihre Art.
    Muscheln, geschliffen durch den Rhythmus und Unmut der Gezeiten.
    Muscheln, ausgesetzt der Fülle und dem Mangel, von uns genannt Ebbe und Flut.

    Muschel, die das Leben bargen.
    Muscheln, angespült durch das Spiel der Wellen.
    Muscheln, jetzt leer und hohl.

    Du, Muschel in meiner Hand.
    Du, Muschel – Einzigartige.
    Du, Muschel, die du mich anregst dich zu betrachten.
    Du, Muschel, die ich dich phantastisch finde –
                auch jetzt noch, obwohl ich nur deine Hülle sehe –
    nicht dein Leben.

    Indem ich dich betrachte, du kleine Muschel,
    wächst in mir der Mut, auch mich zu betrachten.
    Mich zu betrachten, indem ich in den Spiegel schaue.
    Mich zu betrachten, indem ich versuche in mein Inneres zu schauen.

    Du, kleine Muschel!
    Mein Leben findet sich wieder in deinem Leben.
    Auch mir ist mitgegeben Farbenpracht, Form und Struktur.
    Auch ich bin geschliffen worden vom Rhythmus und Unmut des Lebens.
    Auch ich erlebe Fülle und Mangel.
    Auch in mir birgt sich Leben.
    Auch in mir gibt es Zeiten der Leere.

    Du, kleine Muschel!
    Indem ich uns betrachte, kommt die Erkenntnis:
                Wir sind beide einzigartig.
    Und die vielen anderen Muscheln um mich herum.
                Alle einzigartig.

    So sind wir alle hineingegeben in das große Ganze- in die Schöpfung.
                Alle einzigartig – Geschenke des Himmels.

    Du, Muschel in meiner Hand!
                Ich will dich umschließen als einen wertvollen Schatz.
                Wann immer ich dich sehe oder fühle,
                erinnere mich daran, dass alles einzigartig ist.
                Einzigartig sein kann und darf,
                weil ein Schöpfer, den wir Gott nennen,
                alles so wichtig nimmt,
                dass es einzigartig sein darf,
                alles so wichtig nimmt,
                dass es einzigartig ist.

     

    Beatrix Senft (2022)

     

     

     

     

    BEHÜTE UNSERE LIEBE

    Guido Erbrich

    vor Lieblosigkeit und Egoismus
    behüte sie vor Eifersucht
    und Vertrauensbruch,
    lass und darüber klar werden,
    ob wir für immer
    zusammenbleiben wollen,
    sei du in unserer Mitte.

    Guido Erbrich, Zum Beispiel: du. Gebete für junge Menschen; Leipzig, St. Benno Verlag, 2002.

     
  • GOTT SEGNE MEINE HÄNDE

    Herkunft unbekannt

    Gott, segne meine Hände,
    dass sie behutsam seien,
    dass sie halten können, ohne zur Fessel zu
    werden,
    dass sie geben können ohne Berechnung,
    dass ihnen innewohne die Kraft zu trösten und
    zu segnen.

    Gott, segne meine Augen,
    dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,
    dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,
    dass sie hindurch schauen durch das
    Vordergründige,
    dass andere sich wohl fühlen können unter
    meinem Blick.

    Gott, segne meine Ohren,
    dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen,
    dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not,
    dass sie verschlossen seien für den Lärm und das
    Geschwätz,
    dass sie das Unbequeme nicht überhören.

    Gott, segne meinen Mund,
    dass er dich bezeuge,
    dass nichts von ihm ausgehe, was verletzt und
    zerstört,
    dass er heilende Worte spreche,
    dass er Anvertrautes bewahre.

    Gott, segne mein Herz,
    dass es Wohnstatt sei deinem Geist,
    dass es Wärme schenken und bergen kann,
    dass es reich sei an Verzeihung,
    dass es Leid und Freude teilen kann.

    Quelle unbekannt

  • AUF DASS MAN DIE CHRISTEN ERKENNE

    Leon-Joseph Suenens

    Herr, ich brauche deine Augen,
    gib mir einen lebendigen Glauben.

    Ich brauch dein Herz,
    gib mir in allen Situationen Liebe zum Nächsten.

    Ich brauche deinen Atem,
    gib mir deine Hoffnung
    für mich selbst und deine Kirche,

    auf dass sie Zeugnis ablege für die Welt,
    auf dass man die Christen erkenne
    an ihrem strahlenden, heiteren Blick,
    an der Wärme ihres Herzens
    und an diesem unüberwindlichen Glauben,
    der sich aus den heimlichen, unversiegbaren Quellen
    ihrer fröhlichen Hoffnung nährt.

     

    Leon-Joseph Suenens, Bischof von Brüssel. In: Minuten am Morgen, Texte und Gebete zum Schulbeginn, 2. Auflage 2004.

  • LEIB UND SEELE

    Mutter Emanuela von Kairo

    „Vielleicht täusche ich mich, aber vor meinem Gewissen glaube ich, sie umsonst lieben zu müssen und nicht zu versuchen, sie dank meiner Dienste für meine Religion zu gewinnen. Nach meiner Auffassung ist meine Rolle, Christus nachzufolgen, indem ich bis ans Ende liebe,