O Herr, gib Frieden

O Herr, gib Frieden,
o Herr, gib Frieden,
gib Frieden in dieser Welt.
Steh uns bei.
O Herr, gib Frieden,
o Herr, gib Frieden,
gib Frieden in dieser Welt.
Steh uns bei.
Wir bitten dich, erhöre uns!
Wir bitten dich, erhöre uns!
Wir bitten dich, erhöre uns!
Steh uns bei.
Wir bitten dich, erhöre uns!
Wir bitten dich, erhöre uns!
Wir bitten dich, erhöre uns!
Steh uns bei.
Herr, du unser großer Gott!
Herr, du unser großer Gott!

Friedenslied des ukrainisch-russischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751-1825)

https://www.youtube.com/watch?v=zoBqldSv3jc

 

 

 

 

 

Ökumenisches Friedensgebet 2017:

 

Aus der Tiefe des Chaos rufen wir zu dir, du Gott des Friedens.

Aus der Tiefe des Leidens rufen wir zu dir, du Gott der Barmherzigkeit.

Aus der Tiefe der Angst rufen wir zu dir, du Gott der Liebe.

Guter Gott, höre unsere Stimme,

die um Frieden für unsere verwirrte Welt bittet.

Erleuchte unseren Verstand, dass wir lernen,

auf deine Weise Frieden zu schaffen, damit die getröstet werden,

die um der Gerechtigkeit willen leiden.

Sende deinen Heiligen Geist,

damit er uns auf den Weg des Friedens führe,

den du bereits begonnen hast.

Öffne unsere Augen für die Zeichen deiner Gegenwart in unserer erschöpften Welt.

Lehre uns, in Harmonie mit dir, unseren Mitmenschen und der Natur zu leben.

Wir sehnen uns so sehr nach einer friedlichen Welt:

in der Menschen in Würde alt werden können,

in der Eltern ihre Kinder in Liebe aufwachsen sehen,

in der die Jugend von ihrer Zukunft träumen kann,

in der Kinder eine glückliche Kindheit erleben können.

Guter Gott, stärke unseren Glauben an die Möglichkeit,

Frieden zu schaffen trotz aller Gewalt, die wir sehen.

Hilf unserem Bemühen um eine bessere Welt,

in der alle willkommen sind,

in der alle sich zum Festmahl versammeln,

in der alle in Freiheit verkünden können,

dass Jesus der Erlöser ist. Amen.

Schwester Dr. Nazik Khalid Matty OP (Irak)   

 

Christi Himmelfahrt

EINE AUSFALTUNG DES OSTERGEHEIMNISSES

Egon Kapellari

Vierzig Tage nach Ostern feiert die Kirche das Fest Christi Himmelfahrt. Gefeiert wird da nicht ein von Ostern zeitlich getrenntes Ereignis, sondern eine Dimension des Ostergeheimnisses selbst.
[...]
Himmel ist in der Sicht des Glaubens kein Begriff der Geografie, sondern eine Beziehung. Himmel ist die vollendete Beziehung des Menschen zu Gott. Darum hat der Kirchenvater Augustinus über das verheißene ewige Leben gesagt: "Gott selbst wird unser Ort sein". Himmelfahrt Christi bedeutet, dass der menschgewordene ewige Sohn Gottes seine menschliche Natur erhoben hat in die ewige Beziehung liebender Selbstübereignung an den Vater. Damit hat er einen "Raum" geschaffen, der allen Menschen offen steht, die glaubend und liebend zu ihm gehören.
...
Mit der Auferstehung Jesus und in seiner Himmelfahrt, die als ein Aspekt an dieser Auferstehung zu verstehen ist, beginnt der Heimweg der Schöpfung, die sich von Gott entfernt hatte, zu Gott. Das Ziel wird erreicht sein, wenn Gott alles in allem sein wird.

Egon Kapellari, Ein Fest der Schwerkraft. Osterbetrachtungen. Styria-Verlag, Graz 1993.



 

 

UNVERWANDT ZUM HIMMEL SCHAUEN

Beatrix Senft

Unverwandt zum Himmel schauen.
Löcher in die Luft glotzen.
Warten, dass das Glück vom Himmel fällt
und eine höhere Macht schon alles richten wird.

Denn es ist uns ja zugesagt,
dass Jesus wiederkommt.
Also abwarten,
wird schon.

Heute würde wohl die Weisung der Männer in Weiß lauten:
            Was glotzt ihr noch so dümmlich zum Himmel,
            habt ihr es in zweitausend Jahren noch nicht verstanden,
            es ist euch alles vorgelebt,
            es ist euch schon alles verheißen.
            Also, lest, horcht,
kaut es in eurem Inneren immer wieder.
            Und dann krempelt endlich die Ärmel hoch
            und baut mit am Himmelreich Gottes -
            damit es schon auf-lebt im HIER und JETZT.

 

Beatrix Senft (2022)

DEN HIMMEL BERÜHREN

Beatrix Senft

Den Himmel über mir:
Himmelskörper
Sterne
Sternschnuppe
Sternennacht
Mondnacht
sternenklar

Meine Augen berühren ihn

Mein einziges Himmelbild?

Hier und da – JA

Aber auch:
himmelschreiend - mit meinen Nöten
Wie auf Wolken schwebend –
                himmelhochjauchzend –
                in meinem Glück
Jemanden in den Himmel hebend -
Wie auf Wolken schwebend

GEFÜHLSLAGE HIMMEL

Abgehoben

Himmel – der sich geerdet hat
Himmel – der in Jesus eine Verbindung bekommen hat

Den wir erfahren dürfen:

Da, wo Menschen sich liebend begegnen
Da, wo 70x70 mal Verzeihung geschieht
Da, wo Menschen über Schatten springen
Da, wo ein gepeinigtes Herz zur Ruhe kommen kann
Da, wo Brücken gebaut werden - über alles Trennende hinaus
Da, wo der Schwache auch den Starken mitschleift
Da, wo die leere Hülle wieder Füllung findet

Da, wo ….

Genau da
verbindet sich der Himmel mit der Erde
zu einem großen
und neuen
Bild

Da berührt sich
Zeit
und
Unendlichkeit

DA
berühren sich
Gott
und
Mensch   

 

Beatrix Senft, unveröffentlicht

WEISST DU, WO DER HIMMEL IS

Wilhelm Wilms

Weißt du wo der Himmel ist,
außen oder innen.
Eine Handbreit rechts und links,
Du bist mitten drinnen.

Weißt du wo der Himmel ist,
nicht so tief verborgen.
Einen Sprung aus dir heraus.
Aus dem Haus der Sorgen.

Weißt du wo der Himmel ist,
nicht so hoch da oben.
Sag doch ja zu dir und mir.
Du bist aufgehoben.

Wilhelm Willms in: Der Regenbogen. Liederheft der Abtei Münsterschwarzach. Als Manuskript gedruckt.


BEFREIUNG - ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

T. Cosalvatica

Nur das Wasser,
das wir zu trinken gaben,
wird uns erfrischen.

Nur das Brot,
das wir zu Essen gaben,
wird uns sättigen.

Nur das Kleid,
das wir verschenkten,
wird uns bekleiden.

Nur das Wort,
das Leiden linderte,
wird uns trösten.

Nur der Kranke,
den wir besuchten,
wird uns heilen.

Nur der Gefangene,
den wir befreiten,
wird uns erlösen.

T. Cosalvatica in: Peter Bleeser, Geschichten zwischen Himmel und Erde. Patmos-Verlag, 1985



 

 

 

Heiliger CHARLES DE FOUCAULD

Charles de Foucauld

Charles de Foucauld (1858 – 1916) stammt aus einer wohlhabenden französischen Adelsfamilie. Geboren in Straßburg, verliert er mit fünf Jahren seine Eltern und wächst mit seiner jüngeren Schwester Marie beim Großvater Oberst de Morlet auf.

Bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870 optiert die Familie für Frankreich und lässt sich in Nancy nieder. Katholisch erzogen, entfernt er sich als Jugendlicher vom Glauben, behält aber die Hochachtung vor der Kirche und ihren Vertretern. Der Familientradition folgend wird Charles Offizier in einem Husarenregiment. Aus Freundschaft zu seinen Kameraden veranstaltet er, um dem Kasernenalltag zu entfliehen, Partys und Feste. Es gibt Tage, in denen er eine große Leere empfindet.

ERSTE KÄMPFE

1881 betritt er zum ersten Mal ein muslimisches Land, das seit 1830 von Frankreich kolonisierte Algerien. Von da an wird er bis zu seinem Lebensende 35 Jahre in muslimischer Umgebung leben. Dieser erste Aufenthalt ist kurz, da er in die militärische Nicht-Aktivität entlassen wird. Er hatte sich geweigert, seiner Freundin, die ihm vorausgereist war, vorzuschreiben, umzukehren. Es war eine Provokation, wie er später schreibt. Kaum zurück in Frankreich geraten französische Truppen in Kämpfe mit algerischen Widerständlern. Kurzerhand lässt er die Freundin und ihre Mutter zurück – nicht ohne sie materiell zu unterstützen – und stellt seinen Mann in den Kämpfen im Atlasgebirge.

GEBETSLEBEN IN DER WÜSTE

Als wieder das langweilige Kasernenleben bevorsteht, quittiert er von sich aus den Dienst und begibt sich auf eine risikoreiche Forschungsreise ins Innere Marokkos. Der Orient hat ihn gepackt mit seiner Kultur, mit der Wüste und mit freundlichen Menschen, die ihm einmal das Leben retteten. Nicht zuletzt beeindruckt ihn das öffentlich bezeugte Gebetsleben mitten in der Mittagshitze der Wüste.

Auf der Suche nach seinem Lebensweg richtet er sich in Paris in der Nähe seiner Familie eine Wohnung ein und schreibt an seinem Forschungsbericht. Die Güte und unaufdringliche Nähe seiner Cousine Marie lässt ihn den Weg in die Kirchen finden und beten: „Mein Gott, wenn es dich gibt, lass mich dich erkennen!“

So kommt es, dass er eines Morgens in der Kirche St. Augustin einen Priester anspricht, Abbé Huvelin, den er vom Sehen kennt, und ihn um eine Instruktion in Sachen Religion ersucht. Er ist 28 Jahre alt. Der Abbé geht nicht darauf ein und weist ihn an zu beichten und zu kommunizieren. „Ab diesem Moment konnte ich nicht anders als mein Leben Gott zu schenken“ sagt er später. Das entspricht seinem natürlichen Charakter, der immer radikal auf ein erkanntes Ziel zusteuert.

WIE DIE HINGABE ZU GOTT LEBEN?

Doch wie diese Hingabe leben? Auf einer Pilgerreise ins Heilige Land macht er im Dorf Nazaret eine umwerfende Erfahrung: Ihm wird bewusst, dass Jesus, Gottes Sohn, sich dieses einfache Leben dort ausgesucht hat und dass er dreißig Jahre lang einer dieser kleinen Leute war, die im Schatten der Geschichte stehen. Dieses Mysterium von Nazaret hält ihn nun sein Leben lang in Bann. Es entwickelt in ihm eine eigene Dynamik, bis es ihm gelingt sein ureigenes Nazaret zu finden.

Er lebt zunächst sieben Jahre von 1890 – 1897 im Orden der Trappisten und muß feststellen, dass dieses Leben nicht seiner Vorstellung von „Nazaret“ entspricht. Die folgenden drei Jahre verbringt er als Laienbruder bei den Klarissen in Nazaret und verrichtet diverse Haus- und Botendienste für die Schwestern. Sie verstehen es, in ihm den Wunsch zu wecken, Priester zu werden. Bei der Vorbereitung zur Priesterweihe, die er 1901 empfängt, entschließt er sich, zu jenen Menschen zu gehen, die ihm als die Ärmsten und Verlassensten erscheinen, und das sind für ihn jene, denen er in Marokko begegnet ist.

WIRKEN IN ALGERIEN

Als Priester der Diözese Viviers kehrt er nun mit der Erlaubnis der Kolonialbehörden und im Dienst von Msgr. Guérin, dem Apostolischen Administrator, in die Sahara zurück, und zwar nicht als Einsiedler, als den man ihn oft bezeichnet. Er ging dorthin, um den Menschen nahe zu sein und mit dem Wunsch, eine Gemeinschaft von Mitbrüdern zu gründen. Die Erfüllung dieses Wunsches blieb ihm zeitlebens verwehrt.

Zunächst siedelt er sich in Beni Abbès nahe der Grenze zu Marokko an, das Europäern weiterhin verwehrt ist. Ab 1905 wendet er sich dem muslimischen Nomadenvolk der Tuareg zu, das in der Person ihres Stammesoberhauptes („Amenokal“) Moussa Agg Amastan mit den Franzosen Frieden schließt; in Wirklichkeit ist es aber eine Unterwerfung. In den elf Jahren, die er nun bei den Tuareg im Herzen der Sahara lebt, wird er für sie ihr Marabut – so bezeichnen sie ihre eigenen muslimischen Heiligen.

Seine Arbeit besteht nun in der Erforschung ihrer Sprache und ihrer Kultur. Auf diese Weise findet er sein „Nazareth“, das nun nicht mehr an einen Ort gebunden ist, sondern das für ihn zum Grundzug seines Glaubens wird. Dies versucht er, konsequent zu leben und gerät dabei in Situationen, in denen er von seinen Nachbarn beschenkt oder gar vor dem Tod durch Erschöpfung gerettet wird. Dass ihn die Tuareg tatsächlich schätzen, wird durch Briefchen bestätigt, die in Tifinagh, ihrer Schrift, verfasst sind und die erst vor etwa 20 Jahren an die Öffentlichkeit gelangt sind. Sie gingen nämlich ungelesen und unverstanden durch die Hände der Kolonialzensoren. Es ist eigentlich unglaublich, wenn der Amenokal in einem dieser Briefchen ihn, den Heiden, der keinen Platz im Paradies hat, ersucht: „Bete inständig für mich!“   

In den Wirren des Ersten Weltkriegs stirbt Charles de Foucauld am 1. Dezember 1916 in Tamanrasset eines gewaltsamen Todes. Er stirbt nicht als Märtyrer im kanonischen Sinn. Sein Tod ist wie der Preis der Liebe zu Gott und zu jenen, die seine Freunde geworden waren und von denen ihn so manche noch bis heute in Ehren halten. Im Jahr 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.

Papst Franziskus zum 100. Todestag 2016: "Charles de Foucauld hat wie wenige andere den Umfang der Spiritualität realisiert, die von Nazareth ausgeht".

 

Herbert Hartl PFJ, Mitglied der Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu.
https://www.erzdioezese-wien.at/site/glaubenfeiern/spirituelles/grossechristen/article/53864.html

 

 

LIEBEND ANGESCHAUT

Beatrix Senft

Morgens in den Spiegel schauen
mich liebend annehmen
mir wohlwollend begegnen

mit meinen großen und kleinen Macken
mit meiner Vielfältigkeit und meiner Einfältigkeit
mit meinen versöhnten und unversöhnten Seiten
mit meinen Stärken und Schwächen
mit meinen…

und wissend

dass du um all dies weißt
und
dass du mich so annimmst
ja - liebst

mir in diesem Wissen
zulächeln

und in den Tag gehen

mit dem Vorsatz
genau so
meinen Mitmenschen zu begegnen

 

Beatrix Senft (2022)

 

DAS GRÖSSTE GESCHENK

Henri J. M. Nouwen

Die wirkliche Frage lautet nicht: »Was können wir einander bieten?«, sondern: »Wer können wir füreinander sein?« Zweifellos, es ist wunderbar, wenn wir einem Nachbarn etwas reparieren, einem Freund einen guten Rat geben, einem Kollegen einen hilfreichen Tipp geben, einem Kranken Linderung verschaffen und einem Pfarrangehörigen die Frohe Botschaft verkünden können. Aber es gibt ein größeres Geschenk als das alles. Das ist das Geschenk unseres eigenen Lebens, das aus allem, was wir tun, hervorleuchtet.
Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, dass mein größtes Geschenk, das ich anzubieten habe, meine eigene Freude am Leben ist, mein eigener innerer Friede, mein eigenes Schweigen und meine Einsamkeit, mein eigenes Gefühl, mich wohl zu befinden. Wenn ich mich selbst frage: »Wer hilft mir am meisten?«, dann muss ich zur Antwort geben: »Der Mensch, der bereit ist, sein Leben mit mir zu teilen.«

Henri Nouwen in: Wege zur Mitte. Herder Verlag, Sonderband 2016, Freiburg Basel Wien 2016.

 

                                      Ostern

Helene Renner (2021) - Emmaus ist...

Emmaus ist überall da
wo Menschen miteinander reden

Emmaus ist überall da
wo zwei oder drei miteinander unterwegs sind

Emmaus ist überall da
wo Resignation und Hoffnungslosigkeit
überwunden werden

Emmaus ist überall da
wo neue Anfänge gesucht werden

Emmaus ist überall da
wo wir offen und einladend sind

Emmaus ist überall da
wo wir Gott in unser Leben einladen

Emmaus ist überall da
wo wir miteinander feiern
und uns Kraft holen

Emmaus ist überall da
wo wir bereit sind umzukehren
und ihm
Jesus
nachzufolgen

 

 

AUFERSTEHEN AUS...

Frank Greubel

Auferstehen aus der Armut der Habgier
zum Reichtum des Teilens.

Auferstehen aus der Kälte der Einsamkeit
zur Wärme der Gemeinschaft.

Auferstehen aus dem Krieg der Zerstörung
zum Frieden der Versöhnung.

Auferstehen aus dem Dunkel der Angst
zum Licht der Hoffnung.

Auferstehen aus dem Trott des Alltags
zur Freude des (Außer)gewöhnlichen.

Auferstehen aus der Existenz dieser Zeit
zum Leben der Ewigkeit.

Aus Frank Greubel, In dieser Zeit Gebet. Würzburg, Vinzenz Druckerei.


WANN IST AUFERSTEHUNG

Ilse Pauls

Nicht erst,
wenn alle Mißverständnisse
weggeräumt sind,
sondern
wenn ich alles
vergeben habe.

Wenn der schwere Stein
meiner Traurigkeit     
vom Herzen weggeweint ist
und ich wieder
Hoffnung habe.

Wenn ich nicht mehr
flüchten will,
sondern mich
auf den Weg mache
zu meinen Brüdern und Schwestern.

Dann erst
werde ich IHM begegnen
in den Gesichtern
der geringsten meiner Brüder,
in Seinem Wort,
in Seinem Brot.

Dann erst werden mir
die Augen aufgehen,
und mein totes Herz
lebt wieder
und brennt für Dich

 

Ilse Pauls

 

 

DER WEG NACH EMMAUS

Beatrix Senft

Da gehen sie,
die beiden Jünger Jesu.
Freudigen Schrittes
gehen sie
sicherlich nicht,
denn sie lassen alles hinter sich.
Ihre Hoffnungen,
Erwartungen,
Freundinnen und Freunde.
Lassen alles hinter sich –
in Jerusalem.

Es mag wohl eher eine Flucht sein.
Sie ertragen nicht,
das mit dem Tod Jesu,
mit diesem schrecklichen
Ende am Kreuz,
all das,
was sie durch ihn
als wichtig angenommen haben,
ein jähes Ende findet.

Dieser Weg ist kein Spaziergang,
bei dem man
so ein bisschen
aus seinem Leben plaudert.
Das,
worüber sie –
wie uns berichtet wird –
reden,
sind die Ereignisse,
die sie hinter sich lassen.

Das Unbegreifliche,
dieses Leidens- und Sterbeweges
ihres Freundes.

Die Worte,
die hier fallen,
sie mögen stoßweise kommen.

Wir kennen das alle,
wie schwer es fällt,
das Sterben unserer Lieben
in Worte zu fassen.

Ist das,
was da in ihnen gärt,
überhaupt in Worte zu fassen?

Ihr Weg nach Emmaus
ist ein Weg
des inneren Schmerzes,
des Zweifels
und gleichzeitig
der mühsame Versuch
des Verstehens.
Und während sie so gehen,
ist Jesus mit einem Mal
einfach an ihrer Seite ---
und geht mit.
Er ist zum Greifen nahe,
aber sie sind so in sich gefangen –
mit Blindheit geschlagen –
dass sie ihn nicht erkennen.

Er braust nicht auf:
„Hey, seid ihr denn blöd,
könnt ihr nicht sehen,
ich gehe doch neben euch.
Seht doch her,
ich bin doch da.“

Nein,
er ist einfach da.
Bleibt neben ihnen.
Setzt sich ihren Enttäuschungen
ihren Fragen,
ihrer Niedergeschlagenheit –
eben ihrer ganzen inneren Not –
aus

und

geht mit,
bleibt neben ihnen.
Hält es aus,
dass sie ihn
und seine Lehre
mit dem Gesagten
in Zweifel ziehen.
In Zweifel ziehen,
weil er das,
was sie erhofft hatten,
nicht erfüllt hat.

In mir kommt das Bild auf,
als legte
Jesus einen seiner Arme
wie einen wärmenden Mantel
um die beiden,
um sie zu schützen
und sie erneut für sich „einzufangen“.
So, als würde er sagen:
„Kommt,
ich erkläre es euch noch einmal
ganz von vorne,
noch mal neu.“

Er zerredet nichts,
lässt alles zu.

Und in diesem Zuwenden
eröffnet er ihnen
die Zusammenhänge.
Lässt sie verstehen,
dass alles so kommen musste.

In unserer heutigen Zeit,
würde an dem Punkt,
wo doch alles gesagt ist,
wohl kommen:
„Seien sie mir nicht böse,
nett,
dass ich Ihnen helfen konnte,
jetzt muss ich aber los,
habe noch viel anderes
zu erledigen.“

Nicht so bei Jesus.
Er geht weiter mit,
Schritt für Schritt,
bis sie zu Hause
angekommen sind -
in ihrem Dorf –
wohl auch bei sich selbst
wieder Heimat gefunden haben.

Er weiß,
dass er sie jetzt
auch lassen könnte –
wieder sich selbst
überlassen könnte.
Und so tut er,
als ginge er weiter
und lässt sich drängen,
doch zu bleiben.

Lässt sie darum bitten,
doch noch fortzufahren,
ihnen Sicherheit zu geben.
Lässt sie aussprechen,
dass der Wechsel
von Tag und Nacht
sie noch schreckt.

Und so geht er mit ihnen hinein,
in ihre Heimat –
ihre Beheimatung –
und gibt sich
in der Gemeinschaft
und im Brotbrechen
ganz zu erkennen.
So zu erkennen,
dass ihnen
die Augen aufgehen.

Und da
schreckt es die beiden
nicht mehr,
dass er nicht mehr
leibhaftig
an ihrer Seite ausharrt.
Jetzt ist seine Botschaft,
sein Geheimnis,
ganz in sie eingedrungen.
Jetzt
kann keine Nacht
sie mehr schrecken,
kein Dunkel
sie mehr zurückhalten.
Jetzt
brennt ja sein Licht
ganz neu
in ihrer Brust.

Jetzt können
sie sich aufmachen
und mit den anderen
bekennen:
„Der Herr ist wirklich auferstanden.“

Da gehen wir,
die Jüngerinnen und Jünger Jesu in der heutigen Zeit.
Freudigen Schrittes
gehen wir meist nicht,
denn so manches
bleibt hinter uns zurück.
Unsere Hoffnungen,
Erwartungen,
Lebenskonstruktionen.
Liebgewordene Menschen
an unserer Seite -
bleiben zurück,
halten es an unserer Seite nicht aus
oder sterben.

Wir rasen davon
mit all den Ablenkungen,
die uns
unsere moderne Zeit
zu bieten hat.

Und Sie und ich? –
Sind wir noch –
oder mal wieder –
vielleicht
nach einem persönlichen „Jerusalem-Erlebnis“ –
auf dem Weg nach Emmaus?
Brauchen wir die Begegnung
und Bestätigung Jesu
wieder einmal ganz neu?

Ist die Last des Lebens
gerade etwas,
was uns wegführt,
uns unstetig sein lässt?

Persönliche Schicksalsschläge,
die uns aufwühlen?
Wandlungen
in Familie,
Umkreis,
Beruf,
Kirche
und in unseren Gemeinden,
die uns fragen lassen:
warum?

Ich für mich kann sagen,
ja,
ich musste immer wieder
auch diesen Weg gehen,
den Weg nach Emmaus.

Und vielleicht
muss ich ihn
auch immer wieder
einmal gehen.
Aber
immer wieder
durfte ich
in meinem Emmaus
ankommen

und
konnte mich dann

neu aufmachen

 

Beatrix Senft, 2022

 

 

SEGENSWUNSCH

Ingrid Dlugos

Möge der auferstandene Christus
dich im Lichte des neuen Tages segnen.
O König der Könige,
der du den Tod überwunden hast,
steh uns bei.
Wie uns die Sonne den neuen Tag bringt,
so schenkt du uns neue Hoffnung.
Das Blut aus deinen Wunden
verwandelt sich zum Quell neuen Lebens.
O Jesus,
sei du bei uns in der Nacht und am Tag.

Aus: Ingrid Dlugos, Irische Segenswünsche für jeden Anlass; Leipzig, St. Benno-Verlag, 2005.


GEBET

Ferdinand Kerstiens

Herr, bleib bei uns und allen Menschen.
Bleib bei uns, wenn es Abend wird,
wenn Trauer und enttäuschte Hoffnungen
unser Herz verdunkeln.

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.
Bleib bei uns, wenn Fragen uns bedrängen,
wenn wir dich nicht mehr finden
im Gewirr unserer Zeit und unseres Lebens.

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.
Bleib bei uns, wenn wir unsere Schwachheit spüren,
wenn Alter, Krankheit oder Sucht
die Möglichkeiten des Lebens begrenzen.

Herr, bleib bei allen Menschen,
die hungern müssen und unterdrückt sind,
denen man die Menschenwürde raubt,
die ausgeliefert sind an die Mächte der Finsternis.

Sende ihnen und uns allen
Den Anfang neuen Lebens.

Aus: Ferdinand Kerstiens, Große Hoffnungen erste Schritte, Glaubenswege durch das Lesejahr A, Edition Exodus, Luzern 2001

 

 

                         

Österliche Bußzeit - 40 Tage  Fastenzeit

 

KARFREITAG

Ilse Pauls

Wenn der Vorhang
unseres Lebens zerreisst -
was werden wir sehen?
Unsere Schuld?
Unsere Versäumnisse?
Das wird alles
draußen bleiben. -
Unsere Augen
werden übergehen ins Licht,
Du selbst wirst uns
die Tränen abwischen.
Selig sind die,
die geweint haben. -
Du wirst mich rufen,
und ich werde
Deine Stimme erkennen.
Du wirst mich
beim Namen rufen
und ihn zärtlicher sagen
als jemals ein Mensch -
und ich werde wissen:
Ich bin am Ziel.

Aus: Ilse Pauls, Auf dem Weg. Gedichte und Gebete. Edition Club d'Art - International, Klagenfurt 2009.

 

DEM REVOLUTIONÄR JESUS ZUM GEBURTSTAG

Erich Kästner

Zweitausend Jahre sind es fast,
seit du die Welt verlassen hast,
du Opferlamm des Lebens!
Du gabst den Armen ihren Gott.
Du littest durch der Reichen Spott.
Du tatest es vergebens!

Du sahst Gewalt und Polizei.
Du wolltest alle Menschen frei
und Frieden auf der Erde.
Du wusstest, wie das Elend tut
und wolltest allen Menschen gut,
damit es schöner werde!

Du warst ein Revolutionär
und machtest dir das Leben schwer
mit Schiebern und Gelehrten.
Du hast die Freiheit stets beschützt
und doch den Menschen nichts genützt.
Du kamst an die Verkehrten!

Du kämpftest tapfer gegen sie
und gegen Staat und Industrie
und die gesamte Meute.
Bis man an dir, weil nichts verfing,
Justizmord, kurzerhand, beging.
Es war genau wie heute.

Die Menschen wurden nicht gescheit.
Am wenigsten die Christenheit,
trotz allem Händefalten.
Du hattest sie vergeblich lieb.
Du starbst umsonst.
Und alles blieb
beim alten.

 

www.deutschelyrik.de/dem-revolutionaer-jesus-zum-geburtstag.html

 

 

 

ABGESCHRIEBEN

Heidi Rosenstock/Hanna Köhler

Abgeschrieben
Von denen, die ich liebe.
Verlassen, allein geblieben
Bete ich zu dir,
Christus, erbarme dich.

Festgefahren, stecken geblieben,
gefangen in den eigenen Stricken
bete ich zu dir,
Christus, erbarme dich.

Dem Leben abgestorben,
im Kampf mit dem Schmerz,
den Hunger nach Leben im Herzen,
fassungslos, ohnmächtig,
bete ich zu dir,
Christus, erbarme dich.

 

 

BROT

Anton Rotzetter

Unser Brot - Dein Brot
Dein Brot - unser Brot
Unser Wein - Dein Wein
Dein Wein - unser Wein
Unser Leben - Dein Leben
Dein Leben - unser Leben
Unsere Gedanken - Deine Gedanken
Deine Gedanken - unsere Gedanken
Unsere Welt - Deine Welt
Deine Welt - unsere Welt
durch Jesus Christus, unseren Herrn

 

Aus: Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt. Gebete des Lebens, Herder 1994

 

 

Es gibt manche Wege, die geht der Mensch umsonst. Wozu das alles?
Oft bemerkt man es erst, wenn man schon ein Stück des Weges gegangen ist.
Es gibt Wege, die man nur ungern geht, die man sich am liebsten ersparen würde.
Wege, die aber sein müssen, die man gehen muss.
Es gibt Wege, die man auf sich nimmt, weil man weiss, was einem am Ende des Weges erwartet.

Jesus ging den Weg vom Zion zum Ölberg. Der Weg war ihm vertraut. Die Tage zuvor war er oft unterwegs in den Bergen Jerusalems; am Tempelberg, am Zionsberg, am Ölberg, am Berg des Zornes. Und er wusste, was ihn in jener Nacht erwarten sollte, dort am Ende dieses Weges.
Wir gehen heute Abend mit ihm den Weg vom Zion zum Fusse des Ölberges.
Auch wenn der Weg heute anders aussieht, bleibt es Jesu Weg.

Wo er gegangen ist, gehen wir heute mit.
Wo er verweilt hat, halten wir heute inne.
Wie er gebetet hat, beten auch wir ...

 

MEDITATION:

Jesus - ein Mensch:
gelacht, geweint, gebetet, geteilt, geglaubt, gehofft und geliebt.
Jesus - Gottes Sohn:
zugehört, verziehen, aufgerichtet , überzeugt und sich selbst treu geblieben.
Jesus - ein Mensch:
Freunde gehabt, einen liebenden Gott verkündet, geheilt, gepredigt und konsequent seinen Weg gegangen.
Jesus - Gottes Sohn:
voll Geist, die Einsamkeit gesucht, Feste gefeiert und Mensch geblieben.
Jesus - ein Mensch:
sinnlose Gesetze übertreten, provozierend, aufrüttelnd, herausfordernd, geliebt und gehasst.
Jesus - Gottes Sohn:
Kranke geheilt, Feinden verziehen, Wunder gewirkt, Ausgegrenzte umarmt, Kinder gesegnet, Sünden vergeben, Brot geteilt.
Jesus - ein Mensch:
aussergewöhnlich, einmalig, ungewöhnlich, unglaublich, geheimnisvoll.

Jesus - ein Mensch, der konsequent seinen Weg gegangen ist - bis zum Schluss.

(Verfasser unbekannt)

 

 

 

 

 Meditation

Gott allein kann schaffen, aber du kannst das Erschaffene zur Geltung bringen.

 

Gott allein kann Leben schenken, aber du kannst es weitergeben und achten.

 

Gott allein kann den Glauben schenken, aber du kannst dein Zeugnis geben.

 

Gott allein kann Hoffnung einpflanzen, aber du kannst deinem Nächsten Vertrauen schenken.

 

Gott allein kann die Liebe schenken, aber du kannst andere lieben und lieben lehren.

 

Gott allein kann den Frieden schenken, aber du kannst Einheit stiften.

 

Gott allein kann die Freude schenken, aber du ein Lächeln.

 

Gott allein kann Kraft geben, aber du Entmutigte aufrichten.

 

Gott allein ist der Weg, aber du kannst ihn anderen zeigen.

 

Gott allein ist das Licht, aber du kannst es in den Augen der anderen zum Leuchten bringen.

 

Gott allein kann Wunder wirken, aber du kannst die fünf Brote und die zwei Fische bringen.

 

Gott allein kann das Unmögliche, aber du kannst das Mögliche tun.

 

Gott allein genügt sich selbst, aber er hat es vorgezogen, auf dich zu zählen.

 

Gebet einer brasilianischen Basisgemeinde

 

DARUM KÖNNEN WIR ANDEREN LEUTEN AUCH VERZEIHEN…

Martin Dreyer

Es gab einmal einen Typen, der mich total verletzt hatte. Ich hatte so einen Hass auf den, dass ich jedes Mal, wenn ich nur seinen Namen gehört hab, fast ausgerastet wäre. Er hatte in der Schule die ganze Klasse gegen mich aufgehetzt, und es war sein Hobby, Martin in der großen Pause zu verprügeln. Über Jahre hatte ich täglich irgendwelche Fantasien, wie ich es ihm eines Tages einmal heimzahlen könnte. Schließlich wurde ich mit 17 Christ und fing an, mein Leben durch Jesus neu zu gestalten. Ganz zu Anfang hat Jesus mir erst einmal klargemacht, was ich alles für Mist gebaut hatte in meinem Leben. Das war nicht unbedingt eine nette Zeit. Aber als mir dann bewusst wurde, dass Jesus meine vielen ätzenden Sünden vergibt, konnte ich plötzlich auch diesem Typ vergeben, der mich verletzt hatte. Auf die Art werden wir von Jesus dazu befähigt, jedem zu vergeben, der uns verletzt und kaputt gemacht hat. Wir brauchen nicht länger mit Hass gegen irgendwelche Leute rumzulaufen. Das ist eine riesengroße Befreiung.
Jesus hat das Sündenproblem dieser Welt für immer gelöst.

 

Aus: Martin Dreyer, Jesus rockt, Pattloch München 2011.

 

JESUS NIMMT DIE SÜNDER AN

Erdmann Neumeister

Jesus nimmt die Sünder an.
Saget doch dies Trostwort allen,
welche von der rechten Bahn
auf verkehrten Weg verfallen.
Hier ist, was sie retten kann:
Jesus nimmt die Sünder an.

Keiner Gnade sind wir wert;
doch hat er in seinem Worte
eidlich sich dazu erklärt.
Sehet nur, die Gnadenpforte
ist hier völlig aufgetan:
Jesus nimmt die Sünder an.

Wenn ein Schaf verloren ist,
suchet es ein treuer Hirte;
Jesus, der uns nie vergißt,
suchet treulich das Verirrte,
daß es nicht verderben kann:
Jesus nimmt die Sünder an.

Kommet alle, kommet her,
kommet, ihr betrübten Sünder!
Jesus rufet euch, und er
macht aus Sündern Gottes Kinder.
Glaubet's doch und denket dran:
Jesus nimmt die Sünder an.

Jesus nimmt die Sünder an;
mich hat er auch angenommen
und den Himmel aufgetan,
daß ich selig zu ihm kommen
und auf den Trost sterben kann:
Jesus nimmt die Sünder an.

Erdmann Neumeister 1718, in: EG 353

 

 

  • 2

Helene Renner (2019) -

Wenn ich mich verirrt habe

Wenn alles schief zu gehen scheint,
dann erwartest du mich mit offenen Armen.

Wenn ich mich verirrt habe
im Dickicht meiner egoistischen Interessen,
dann erwartest du mich mit offenen Armen.

Wenn ich meinen Weg verloren habe
und das Gefühl der Heimatlosigkeit
mich zur Verzweiflung treibt,
dann erwartest du mich mit offenen Armen.

Wenn ich mutlos werde
angesichts der an mich gestellten Anforderungen,
dann erwartest du mich mit offenen Armen.

Nur deshalb
kann ich meinem Leben eine neue Richtung geben:

Geborgen in deinen Armen,
frei von Angst
kann ich mich öffnen für meine Mitmenschen.

VERLORENHEIT

unendlichsein.de

Wenn sich das Leben so anfühlt, als wäre alles ein Traum, man zwar bewusst ist, aber sich trotzdem nicht ganz hier anfühlt.
Wenn man das Gefühl für Interessen, Menschen und Tätigkeiten verliert, die einen vorher noch Freude und Befriedigung gegeben haben.
Wenn man sich energiearm fühlt, wenig Kraft hat aufzustehen und die Dinge zu tun, die einen rufen und die man tief in sich als seine Berufung fühlt.
Wenn man beim besten Willen nicht das erreichen und schaffen kann, was die Stimme im Kopf von einem verlangt und einen dann beschämt und verurteilt, weil man es nicht erreichen konnte.
Wenn man das Gefühl hat, dass etwas fundamental anders ist, das Leben und die eigne Wahrnehmung nicht mehr dieselbe ist.
Das Gefühl der Verlorenheit.

https://unendlichsein.de/das-gefuehl-der-verlorenheit/ -

 

 

SYNONYME

synonyme.de

Synonyme vor Verlorenheit

 verlorengehen
 verlorengeben
 Verlorenes
 verloren sein
 verloren gehen
 verloren geben
 verloren
 verlohen
 Verlogenheit
 verlogen

Synonyme nach Verlorenheit

 verlosen
 Verlosung
 Verlosungstopf
 verlottern
 verlottern lassen
 verlottert
 verlottert angezogen sein
 verludern
 verludern lassen
 verlumpen

ähnliche Synonyme

 Verlorenheit
 Verlogenheit
 Verdorbenheit
 Verworfenheit
 Verborgenheit
 Verworrenheit
 Verlegenheit
 in Verlegenheit bringen
 in Verlegenheit gebracht
 in Verlegenheit bringend

https://www.synonyme.de/verlorenheit/ - 25.03.2019

 

 

 

Bernhard Rathmer  -

 

Mitten im Leben ein Neuanfang

Mitten im Leben – das Scheitern
Mit all seiner Unbegreiflichkeit.
Mit all seiner Trauer und Wut.
Mit all seinen eigenen Anteilen.

Mitten im Leben ein Neuanfang.
Mit seinen Möglichkeiten.
Mit all seiner Lebendigkeit.
Mit all seinen Beziehungen.

Mitten im Leben Gott.
In der Chance, die neue gegeben wird.
In dem Menschen, der mir entgegenkommt
In Gott, der mich annimmt.

FEINDE ZU FREUNDEN

Herkunft unbekannt

Ein alter chinesischer Kaiser hatte vor, das Land seiner Feinde zu erobern und sie alle zu vernichten. Später sah man ihn mit seinen Feinden speisen und scherzen.
»Wolltest du nicht deine Feinde vernichten?«, fragte man ihn verwundert.
Der Kaiser antwortete: »Ich habe sie vernichtet. Ich machte sie zu meinen Freunden.«

 

Parabel, Herkunft unbekannt

Der heilige Josef

Josef,
er ist der Mann am Rande,
im Schatten.
Der schweigenden Hilfe.

Der Mann, in dessen Leben
Gott dauernd eingreift
mit neuen Weisungen
und neuen Sendungen.

Immer neue Weisungen
und neue Sendungen,
neuer Aufbruch
und neue Ausfahrt …

Er ist der Mann,
der ging.
Das ist sein Gesetz:
der dienstwillige Gehorsam.

Er ist der Mann,
der dient.
Dass ein Wort Gottes bindet und sendet,
ist ihm selbstverständlich.
Die dienstwillige Bereitschaft,
das ist sein Geheimnis.

Alfred Delp SJ

 

 

ICH BIN DA

Paul Weismantel

In das Dunkel deiner Vergangenheit und
in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Helfens und
in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.
 
In das Spiel deiner Gefühle und
in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens und
in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.
 
In die Fülle deiner Aufgaben und
in die Leere deiner Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und
in die Grenzen deiner Begabung
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.
 
In das Gelingen deiner Gespräche und
in die Langeweile deines Betens,
in die Freude deines Erfolges und
in den Schmerz deines Versagens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
 
In die Enge deines Alltags und
in die Weite deiner Träume,
in die Schwäche deines Verstandes und
in die Kräfte deines Herzens
lege ich meine Zusage:
Ich bin da. 

 

Paul Weismantel

VERGIB UNS UNSERE SCHULD

Verfasser unbekannt

Vergib uns Herr, unsere Schuld.
Verzeih, wenn wir andere mit den Händen schlagen,
statt zu helfen;
wenn wir mit Worten verletzen,
statt zu trösten;
wenn wir den Verstand anstrengen,
um den anderen zu ärgern,
wenn wir den anderen auslachen
und ihn dadurch entmutigen,
statt ihm Mut zu machen.
Herr, so werden wir schuldig vor dir
und den anderen.
Vergib uns unsere Schuld.

Aus: Gebete für das ganze Leben, Leipzig 2004.

 

 

DA BIN ICH

                                                                                                        Beatrix Senft

hier bin ich
auf der Flucht vor mir selbst
vor dem
was Leben mir abverlangt
was Leben mir zumutet

mich ganz neu finden müssen
so vieles hinter mir lassen müssen
mich neu orientieren müssen

und nicht wissend
was das „neue“ Leben
von mir will

orientierungslos
ja
so fühle ich mich

und so streife ich -
mit dem Staub meiner Vergangenheit
an meinen Füssen -
verbranntes Land hinter mir lassend -
durchs Leben

ja
ich fühle mich
in der Fremde

fühle mich
fremd in mir

und komme an den Ort
den ich nicht kenne
wo mit mir geschieht
was ich nicht fassen kann

da brennt ein Feuer
das mich nicht verbrennt
das mich nicht verschlingt
mich nicht verzehrt

und
es zieht mich
dort hin

und im Nähertreten
höre ich meinen Namen

höre
wie mich einer ruft

und die Stimme
sie fordert mich auf
meine Schuhe abzulegen
und -
mit meinen Schuhen -
den Staub der Vergangenheit

fordert mich auf
heiligen –
heilbringenden -
Boden zu betreten

da ist einer
der meinen Namen kennt
so wie schon die Namen meiner Vorfahren

da ist der
den ich nur erahnen kann
den ich nur erahnen darf

da ist einer -
nicht von Angesicht zu Angesicht -
und doch ganz nah

da ist einer
der mein Elend
der meine Not
der mein Leid
kennt

der mir seinen Namen
offenbart
den Namen
der alles erklärt

den Namen
der alles umfasst
der ausreicht für alle Zeit

ich bin der:
ICH BIN DA

der zu mir herabsteigt
in die Untiefen meines Lebens
und mir zuspricht
mich diesen Untiefen zu entreißen

und mich führen will
in ein schönes und weites Land

der mir den Auftrag gibt
zu gehen

und die Zusage
bei mir zu sein

ziehe ich meine Schuhe wieder an?
mache ich mich auf den neuen Weg?
reicht mir diese Flamme der Zusage?

BIN ICH DA - zubereit?

 

Beatrix Senft

FRÜCHTE UND FRÜCHTCHEN

Hermann Josef Coenen

Viele Früchte sind in Gottes Obstkorb.
Und eines dieser Früchtchen, das bin ich.

Manche sind wie Stachelbeeren: herb und sauer,
andere zuckersüß wie griechische Rosinen.
Manche sind wie hochgewachsene Stangenbohnen,
andre rund und mollig wie ein Kürbis.
Manche sind geröstet, braun wie Kaffeebohnen,
andre sind vornehm bleich wie Blumenkohl.

Manche, die sind scharf wie Paprika und Curry,
andere sind zart, verhalten im Aroma.
Manche, die sind spritzig, saftig wie ein Pfirsich,
andere sind trockenes Dörrobst, extra dry.
Manche, die sind kernig, knackig so wie Nüsse,
andre muss man schälen unter Tränen wie die Zwiebeln.

Manche, das sind Alltagsfrüchte wie Kartoffeln,
andre wollen was Besondres sein: wie Mangos oder Kiwis.
Manche jucken dich und kitzeln wie die Hagebutten,
andre hinterlassen bitteren Nachgeschmack.
Manche, die sind giftig, trotz der schönen Farben.
Andre sind wie Medizin: sie tun einfach gut.

Manche Früchte hängen hoch, schwer zu erreichen,
andre, da muss man unten suchen und sich bücken.
Manche gibt' s, die brauchen lange, um zu reifen.
Andre sind frühreif - oder werden niemals reif.
Manche, die werden faul schon auf den Bäumen,
oder sie sind hohl von innen: taube Nüsse.

Manche gibt' s im Sonderangebot sehr billig,
und andre sind mit Geld nicht zu bezahlen.
Manche sind wie "Aufgesetzter", wie ein Rumtopf:
Nur genießbar unter Alkohol.
Manche haben eine harte, raue Schale.
Doch darunter einen weichen süßen Kern.

Manche, die sind wirklich ungenießbar:
ganz geschmacklos - oder muffig - oder faul.
Manche sind das Hauptgericht in unserm Leben,
andre eher Nachtisch: wie Kompott flambiert.
Jede Frucht schmeckt anders: Du und ich.

Viele Früchte sind in Gottes Obstkorb.
Und eines dieser Früchtchen, das bin ich.

Aus: Hermann Josef Coenen, Meine Jakobsleiter, Düsseldorf 1986.

 

 

PROBE

                                                                                 Beatrix Senft

Und das Leben
stellt dich
auf einen hohen Berg
und zeigt dir
all die Pracht und
Macht dieser Welt.

Und du wirst auf die Probe gestellt –
nicht dreimal –
nein täglich –
stündlich wieder

du machst einen Stadtbummel
und findest nach langem Suchen
das Kleid
das dir gefällt

es hängt da
in einer Boutique
maßlos teuer
und traumhaft
schön

du denkst real
lässt es zurück
hast bestanden
diese Probe!?

nein
denn im Stillen
wirfst du dich
vor ihm nieder

tagelang
wochenlang
hat es Macht
in dir –
wird zu einem
kleinen Gott

ob du
die Proben
auf die du gestellt wirst
bestehst
liegt nicht im äußeren Verzicht
liegt nicht daran
was äußere Umstände
dir abverlangen

ob du die Probe
bestehst
liegt daran
ob du
innerlich
loslassen kannst

liegt daran
welchen Stellenwert
äußere Pracht
oder Macht
für dich hat

liegt letztlich daran
dass du dich
immer wieder
neu aufmachen musst
nach den Werten
deiner selbst
und dieser Welt
zu suchen.

Beatrix Senft

IN DIE MITTE KOMMEN

C. G. Jung

„Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“

C. G. Jung

Es ist Krieg. Ein ratloser Psalm.
Aufgeschreckt bin ich, Ewiger, reibe mir zitternd die Augen, ein Traum muss es sein, ein schrecklicher, ein Alptraum. Entsetzt höre ich die Nachrichten, kann es nicht fassen. Soldaten marschieren, kämpfen und sterben. Es ist Krieg. Der Wahn eines Mächtigen treibt sie zu schändlichem Tun, mit Lügen hat er sie aufgehetzt, mit dem Gift seiner Hassreden. In den Kampf wirft er sie, missbraucht ihre Jugend, missbraucht ihre Kraft, erobern sollen sie, töten sollen sie, sein Befehl ist eiskalt. Seine Nachbarn hat er zu Feinden erklärt, ein Zerrbild gemalt, in den dunkelsten Farben seiner wirren Machtphantasien. Niemand wagt ihm zu widersprechen, seine Claqueure halten still, ein Marionettentheater umgibt ihn, das er höhnisch bespielt. Seine Bosheit hat Raffinesse, listig und schamlos geht er voran, die Versuche, ihn umzustimmen, ließ er ins Leere laufen, umsonst sind sie angereist aus besorgten Ländern, Friedensappelle und Warnungen ließen ihn kalt. Angst und Schrecken verbreiten sich, blankes Entsetzen, wie viele Verletzte wird es geben, wieviel Tote? Wann wird die gefräßige Gier des Tyrannen gesättigt sein, wann der Blutstrom versiegen, wann die Waffen schweigen? Hilflos starre ich auf die Bilder und Meldungen, meine Fäuste voll Wut, in meinen Augen regnet es. Fahr den Kriegstreibern in die Parade, Ewiger. Allen! Leg ihnen das Handwerk, lass sie straucheln und fallen. Wecke den Mut und den Widerstand der Rückgrat-Starken, lass das Volk sich erheben und die Verbrecher entlarven. Nicht entmutigen lassen sollen sich alle, die an den Frieden glauben, die unverdrossen ihre Stimme erheben, gegen Verführer immun sind. Sei unter denen, die nicht schweigen, die nicht wegschauen, die nicht achselzuckend sagen, was kann ich schon bewirken. Höre unser Beten, unser Schreien, es töne in Deinen Ohren, unsere Angst um die Welt unsrer Kinder und Kindeskinder. Sie hast Du uns in die Hände gegeben, Deine Welt ist die unsrige. In die Hände fallen soll sie nicht den Machthungrigen ohne Gewissen. Nie werde ich verstehen, warum Du dem allen nur zusiehst, Deine Hand nicht eingreift und die Tyrannen zerschmettert. Mach Dich gefasst auf meine zornigen Fragen, wenn wir uns sehen werden, später, in diesem rätselhaften Danach, Deinem geheimnisumwobenen Himmel. Dann will ich Antworten, will Erlösung und endgültigen Frieden, jetzt aber will ich nicht aufgeben, zu tun, was ich tun kann, damit wir jetzt und auch künftig den Namen verdienen, den wir so selbstverständlich als unseren eigenen tragen, und ehrlich und glaubwürdig und unverhärtet berührbar, als menschlicher Mensch unter menschlichen Menschen leben. sw (Stephan Wahl, Jerusalem)

 

 

 

ZEIT-LITANEI

Manfred Frigger

Ich bitte um Zeit

Zeit zum Leben

Zeit zum Glücklichsein
Zeit zum Beten
Zeit zum Helfen
Zeit zum Zuhören
Zeit zum Trauern
Zeit zum Leiden
Zeit zum Feiern
Zeit zum Essen
Zeit zum Tanz
Zeit zum Konzert
Zeit zum Schauen
Zeit zum Danken
Zeit zum Lernen
Zeit zum Schweigen
Zeit zum Schlafen
Zeit für Zärtlichkeit
Zeit für Kunst
Zeit für Erholung
Zeit für Kirche
Zeit für Gott
Zeit für Phantasie
Zeit für Gefühle
Zeit für Träume
Zeit für Blumen
Zeit für Freunde
Zeit für Bücher
Zeit für Eltern
Zeit für Briefe
Zeit zur Meditation
Zeit zur Begegnung
Zeit zur Buße
Zeit für mich

Aus: Manfred Frigger, Zeit für mich - Zeit für Gott. Junge Menschen beten. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1986.

 

 

LASSET UNS MIT JESUS ZIEHEN

Sigmund von Birken

Lasset uns mit Jesus ziehen,
seinem Vorbild folgen nach,
in der Welt der Welt entfliehen,
auf der Bahn, die er uns brach,
immer fort zum Himmel reisen,
irdisch noch schon himmlisch sein,
glauben recht und leben rein,
in der Lieb den Glauben weisen.
Treuer Jesu, bleib bei mir,
gehe vor, ich folge dir.

Lasset uns mit Jesus leiden,
seinem Vorbild werden gleich;
nach dem Leide folgen Freuden,
Armut hier macht dorten reich,
Tränensaat, die erntet Lachen;
Hoffnung tröste mit Geduld:
Es kann leichtlich Gottes Huld
aus dem Regen Sonne machen.
Jesu, hier leid ich mit dir,
dort teil deine Freud mit mir.

Lasset uns mit Jesus sterben;
sein Tod uns vom andern Tod
rettet und vom Seelverderben,
von der ewiglichen Not.
Lasst uns töten hier im Leben
unser Fleisch, ihm sterben ab,
so wird er uns aus dem Grab
in das Himmelleben heben.
Jesu, sterb ich, sterb ich dir,
dass ich lebe für und für.

Lasset uns mit Jesus leben.
Weil er auferstanden ist,
muss das Grab uns wiedergeben.
Jesu, unser Haupt du bist,
wir sind deines Leibes Glieder
wo du lebst, da leben wir;
ach erkenn uns für und für,
trauter Freund, als deine Brüder!
Jesu, dir ich lebe hier,
dorten ewig auch bei dir.

Siegmund von Birken (1653) in: EG 384.

 

 

 

NACHTGEBET

Huub Oosterhuis

1
Staub und Asche
verherrlichen dich nicht.
Du hast es doch nicht nötig,
daß ich sterbe.

2
Heile mich. Heile mich nicht.
Was nicht sein kann, kann nicht sein.
Heile mich von meiner Angst.

3
Ich habe noch so Vieles nicht gesehn.
Es gibt Menschen, die ich liebe.
Ich kann es nicht glauben. Warum
hast du mich verlassen?

4
Ende noch nicht in Sicht.
Ich sehe Licht. Ich fühle Schmerz.

Schmerz, der mich schafft.
Der ich sterben muß,
einsam wie wir alle.

5
Sende den Engelo
des letzten Trostes,
die Augen eines Menschen.

Enthalte mir den einen
Menschen nicht vor, der sagt:
hier bin ich.

6
Weck meine Milde wieder auf,
Gib mir zurück
die Augen eines Kindes.

Daß ich sehe, was ist,
und mich anvertraue
und das Licht nicht hasse.

7
Weil du es bist,
größer als mein Herz,
der mich gesehen hat,
eh ich geboren wurde.

Huub Oosterhuis, Mitten unter uns, Herder, Wien 1982.

 

 

                                                                                                                                                     Helene Renner (2022)

Immer wieder spüre ich
dass ich zwei Seiten habe

Eine, die sich für das Gute einsetzt
und eine, die das tut, was ich eigentlich gar nicht tun will

Eine Seite, die für andere da sein möchte
und eine andere, die nur an sich denkt

Eine Seite, die sich bemüht zu sein, wie sie sein sollte
und eine andere, die nicht aus ihrer Haut heraus kann

Eine Seite, die sagt: du bist in Ordnung
und eine andere, die sagt: du bist unmöglich

Eine Seite, die Gottes Wort annehmen möchte
und eine andere, die sich davon überfordert fühlt

Mit meinen beiden Seiten wende ich mich dir, mein Gott, zu
ich wende mich dir zu
mit meinem Unvermögen und meinen Grenzen
mit meinen Ängsten und Bedenken
mit meiner Hoffnung und mit meinem guten Willen

Ich wende mich dir zu
und nehme die Herausforderung an

Ich will deine Anliegen zu meinen machen
deine Einstellung zu meiner Einstellung
dann kannst du
durch mich
die Welt verändern

VERGEBEN

                                                                                                                                        Beatrix Senft

Worte
die fangen –
wie: “ich liebe dich“ –
wer hätte sie nicht gerne
auch für sich

Worte
die verletzten –
die gegeneinander hetzen –
die zerreißen –
die verhindern jedes Zusammenschweißen –
die will keiner für sich –
heute und auch morgen nicht

Worte auf Worte
es entsteht eine Mauer –
auf beiden Seiten: Verletzung und Trauer

und dann –
als Geschenk –

ein AUGEN–BLICK
es kehrt eine kleine Bereitschaft zurück –

vielleicht nicht der große Frieden –
oder ab jetzt: „wir wollen uns lieben“ –

doch von der großen 490er Zahl
dieses eine Mal:

„Ich achte dein Leben
und will dir vergeben!“

Beatrix Senft, 2022



HASS KANN DEN HASS NICHT VERTREIBEN

Martin Luther King

Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, daß sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu verringern, vermehrt sie es.
Durch Gewalt kann man den Lügner ermorden; aber man kenn weder die Lüge ermorden noch die Wahrheit aufrichten. Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man tötet den Haß nicht.
Gewalt verstärkt nur den Haß. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Haß kann den Haß nicht vertreiben; das kann nur die Liebe.

Martin Luther King



Lass mich nicht ruhig werden
solange Menschen ums tägliche Brot bitten und verhungern;
solange Menschen um Waffenruhe bitten und von Bomben, Napalm und Vertreibung bedroht sind;
solange farbige Menschen um das gleiche Recht zum Leben bitten und mit leeren Versprechungen und Beruhigungsreden abgespeist werden;
solange Kriegsgefangene um Befreiung bitten und keine Aussicht auf Frieden ist;
solange die Kirchen nach Gerechtigkeit und Liebe gefragt werden und selbst untereinander zerstritten sind;
solange Menschen um gute Heimkehr bitten und die Zahl der Unfalltoten und Verletzten auf den Straßen steigt;
solange Menschen auf menschenwürdige Wohnungen warten und Profitgier aus ihrer Not Gewinn schlägt.

Aus: A. Pereira, Jugend mit Gott. Gedanken und Gebete, Kevelaer, 2. Auflage 1971

 

WEN JESUS RUFT

Beatrix Senft

Wo sollte er nur hin, bei diesem Sauwetter.
Unterschlupf zu finden wurde immer schwieriger.
Nirgends wurde er geduldet;
er, der stadtbekannte „Penner“, der Versager, der…
Seinen Namen kannten sie nicht,
aber sie gaben ihm viele Namen – unschöne Namen.

Als er es nicht mehr aushalten konnte,
da blieb nichts mehr,
er wagte es einfach und öffnete die Kirchentür.
"Wenn schon, denn schon", dachte er
und ging bis zur ersten Bank und setzte sich.
Sofort spürte er die bohrenden Blicke der drei betenden Menschen in seinem Rücken.

So harrte er einige Zeit aus.

Mit einem Mal nahm er einen Mann in Wanderkleidung wahr.
Dieser ging ruhigen Schrittes durch die Kirche
und schaute sie sich in Ruhe an.

Dann begegneten sich ihre Augen
und der Wanderer trat auf ihn zu.
„Beeindruckende Kirche“, sagte er
und blieb vor dem Mann stehen.
„Ja“, antwortete dieser.
„Aber eigentlich bin ich hier, um mich etwas aufzuwärmen.
Habe mit dem hier“
- er deutete mit den Armen einmal durch den Kirchenraum,
„nicht viel am Hut.
Zuviel enttäuscht worden“,
meinte er knapp.

Sie schwiegen beide einen kurzen Moment.

„Spüre auch,
ich bin hier nicht erwünscht.“

Der Wanderer nickte.
„Ja“, meinte er,
„alles wirklich schön,
aber auch in Stein gemauert,
festgefahren, traditionell und unbeweglich.
Ob hier wirkliches Miteinander gelebt wird? –
Ich meine, so, dass einer vom anderen weiß?“

Beide schwiegen wieder.

„Bist wohl auch viel unterwegs?“ fragte der „Penner“.
„Ja, bin auf der Wanderschaft,
um von der Liebe meines Vaters zu allen Menschen zu erzählen.
Ich meine, von seiner bedingungslosen Liebe
– die allen gilt, besonders den Bedürftigen.
Viele halten mich für einen Spinner.“

Wieder entstand ein Schweigen.
– Ein gutes Schweigen.

„Meinst du, ich könnte dich ein Stück begleiten?“,
fragte der Mann den Wanderer.
„Weißt du, ich bin nämlich auf der Suche nach dem Ort,
an dem ich mich bergen kann.“

„Das würde mich sehr freuen“,
antwortete der Wanderer.

„Verrätst du mir deinen Namen?“

„Ja, gerne. Mein Name ist Jesus
– und wie heißt du?“

„Hannes nennen mich alle.
Doch eigentlich Johannes.“

„Ach, das trifft sich gut,
den Namen kann ich mir gut merken.
Einer meiner engsten Wegbegleiter heißt auch so.
Er ist so treu wie Gold, auch in schwersten Zeiten.“

Beide schauen sich wieder in die Augen.

„Stört es dich nicht - rieche etwas streng.“
„Ach, weißt du, als ich meine ersten Weggefährten fand, waren sie Fischer.
Sie rochen nach Fisch und Schweiß,
hatten Schwielen an ihren Händen
und trugen abgerissene Arbeitskleidung.
- War schon gewöhnungsbedürftig.
Aber ich spürte,
genau sie, so wie sie sind, bedarf ich,
meine Botschaft zu verkünden.“

Nochmal entstand Schweigen.

Dann sagte Jesus:
„Komm, wir gehen und suchen den Ort,
an dem man dich und mich ernst nimmt.“

Ob sie ihn finden - diesen Ort???

Beatrix Senft, 2022.

VERGEBEN ODER VERWAHREN?

diepresse.com

Seit Ratzingers Zeit als Bischof hat sich vieles verbessert, nicht nur in der Kirche. Aber in einem wichtigen Punkt sind wir – als ganze Gesellschaft – noch eher ratlos.

Es ist verständlich, dass sich die Medien auf die vier Missbrauchsfälle konzentrieren, bei denen ein Gutachten dem späteren Papst Benedikt ein nicht adäquates Vorgehen als Bischof vor 40 Jahren vorwirft. Es ist auch wichtig und richtig, Verantwortung einzumahnen. Auch wenn offenbleibt, wie zutreffend eine Auswertung oft recht dürrer Akten nach Jahrzehnten überhaupt sein kann. Man stelle sich ein Gutachten vor, dass im Jahr 2064 untersucht, wer bei unserer Pandemiebekämpfung versagt hat.

Und wie viel Erzbischof Ratzinger wusste oder nicht – die Verantwortung für eine inadäquat handelnde Institution hatte er in jedem Fall. Wie so viele Bischöfe, Landesschuldirektoren, Heimleiter, Sportfunktionäre, Vereinspräsidenten usw. seiner Zeit. Missbrauch sah man weithin viel zu harmlos, auch im aktuellen Gutachten liest man das: Da befürwortet eine bayerische Schulbehörde den Einsatz eines verurteilten Täters, wenn auch nur in der Privatschule. Eine Pfarrgemeinde hat die Hauptsorge, dass der Pfarrer ihre Buben zu Homosexuellen „verderben“ könnte. Immer fehlt das Bewusstsein, dass Betroffene traumatisierte Opfer sein können.

Die relevante Frage scheint mir zu sein: Haben wir seitdem gelernt, dem Leid der Betroffenen gerecht zu werden? Und: Was können wir noch tun, um Missbrauch zu verhindern? Viel ist geschehen: Enttabuisierung und Transparenz, empathisches Hören auf Betroffene, Ombudsstellen, Präventionsbeauftragte, Klasnic-Kommission . . . Und doch bleiben noch Hausaufgaben. Etwa, dass wir – alle miteinander – immer noch nicht wissen, wie wir mit Tätern nach verbüßter Strafe umgehen sollen.

Der Kirche könnte dabei ein Disziplinarrecht helfen, wie es Ärzte oder Anwälte haben, das den weiteren Einsatz (oder Nichteinsatz) regelt. Das kirchliche Strafrecht ist ja immer noch fast ausschließlich ein Beugerecht: Es zielt darauf ab, dass jemand ein unrechtes Tun beendet (für Vergeltung von Unrecht ist, auch für Priester, das staatliche Strafrecht da). Eine abgeschlossene und bereute Tat ist also so, als hätte sie nie stattgefunden. Das ist christliche Vergebung – aber kein Modell für den Personaleinsatz.

Letztlich hat aber die ganze Gesellschaft das Problem, dass das Recht auf einen Neuanfang im Konflikt mit der Rückfallsgefährlichkeit von Sexualstraftätern steht. Zwischen einer naiven Hoffnung auf das reine Herz des geläuterten Täters und dem Ruf nach Wegsperren auf immer gibt es noch keine allgemein anerkannte Lösung. Sie zu finden wäre wichtiger als die Frage, ob auch Ratzinger damit überfordert war.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

 

Michael Prüller in der Tageszeitung Die Presse am 22.01.2022.

PETRUS

unbekannte Herkunft

Es gibt einen
fischenden Petrus

Es gibt einen
nochfolgenden Petrus

Es gibt einen
zweifelnden Petrus

Es gibt einen
sinkenden Petrus

Es gibt einen
leugnenden Petrus

Es gibt einen
zuschlagenden Petrus

und dieser Petrus
ist Fels für die Kirche

H. Gub in: elemente, Würzburg 1991.

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Rat für Nachhhaltige Entwicklung; Jugend schreibt

Nachhaltige Entwicklung ist die Balance zwischen GEBEN und NEHMEN!

Dieses Gleichgewicht sollte in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Verhältnis zur Natur und all ihren Lebewesen sowie in allen politisch-sozialen Geschehnissen VERWIRKLICHT werden!!

Es ist nie zu spät, dazu etwas beizutragen – ob JUNG oder ALT!
Denn die Zukunft liegt in unseren Händen!
Wir können es uns nicht leisten, damit VERANTWORTUNGSLOS umzugehen!

Vielleicht ist nachhaltige Entwicklung für uns die LETZTE CHANCE!!!

Christina Gramss, 18 Jahre, in: Rat für NACHHALTIGE Entwicklung (Hrsg); Jugend schreibt Zukunft. Gedanken und Bilder zur Nachhaltigkeit. München ökom–Verlag 2002.



GOTT, DER ERNÄHRER

Anthony de Mello

Gott beschloss, der Erde einen Besuch abzustatten, also schickte er zuvor einen Engel hinunter, um zu sehen, wie dort die Lage war.
Der Engel kehrte zurück und berichtete: „Die meisten haben nicht genug zu essen, und sehr viele sind arbeitslos.“
Gott sagte: „Dann werde ich in der Form von Nahrung für die Hungernden erscheinen und als Arbeit für die Arbeitslosen.“

Aus: Anthony de Mello; Warum der Vogel singt. Geschichten für das richtige Leben. Herder Taschenbuch, 9. Aufl. 1991



Liebe

Richtige Liebe besteht aus Geben und Nehmen.

 

Diese Liebe hat einen langen Atem.

 

Sie zwingt nie einen Menschen mit Gewalt.

 

Diese Liebe sieht im anderen nicht ein Besitzstück.

 

Eifersucht und Neid sind ihr fremd.

 

Diese Liebe macht keine große Schau.

 

Sie spielt sich nicht auf und drängt sich nicht vor.

 

Ich bin nicht so, du bist nicht so, aber Jesus zeigt uns, dass es geht.

 

 

 

Richtige Liebe besteht aus Geben und Nehmen.

 

Diese Liebe sucht nicht ihren eigenen Vorteil.

 

Sie nutzt den andern nicht aus.

 

Diese Liebe tut dem andern nicht weh.

 

Sie wird nicht verbittert und trägt nicht nach.

 

Diese Liebe duldet nicht, dass Unrecht geschieht.

 

Sie ist erst glücklich, wenn jeder sein Recht bekommt. -

 

 

 

Richtige Liebe besteht aus Nehmen und Geben.

 

Diese Liebe glaubt an das Gute.

 

Sie gibt Vorschuss an Vertrauen auch ohne Beweis.

 

Diese Liebe hofft auch gegen alle Hoffnung.

 

Sie gibt den andern nicht auf.

 

 

 

Diese Liebe kennt keine Grenzen.

 

Sie kann warten und hat unendlich viel Zeit.

 

Ich bin nicht so, du bist nicht so, aber Jesus zeigt uns, dass es geht. (nach 1 Kor 13)

 

 

 

Eine Kirche der Zukunft

 

Ich träumte von einer Kirche, zu der Menschen aller Rassen und Nationen gehörten, viele Völker, Priester und Laien, einfache Menschen und Gebildete - nicht gegeneinander, sondern miteinander und - füreinander. In ihr waren die Worte "ich", "er", "sie", "ihr", "die" Fremdworte – "Du" und "Wir", das war die Umgangssprache, so gingen sie miteinander um.

 

 

 

Ich träumte von einer Kirche, in der sich nicht einer vom anderen bedienen ließ,
sondern wo alle einander dienen wollten.
Da sprachen sie offen, nicht übereinander, sondern miteinander,
geschwisterlich, nicht herrlich, einfach so, weil's um die Sache Jesu ging.

 

 

 

Ich träumte von einer Kirche, da überließen sie die Seelsorge nicht nur dem Priester, da sorgten sich alle mit - alle für alle Menschen.

 

 

 

Ich träumte von einer Kirche, in der schlug niemand auf den Tisch,
da schlugen alle auf die eigene Brust,
da wuschen sie sich nicht die Köpfe, sondern die Füße,
da war man ein Herz und eine Seele, Salz, das die Welt genießbar macht,
eine kleine Herde, selbstbewusst und siegesgewiss,
Licht verbreitend in die Dunkelheit der Welt, weil's um die Sache Jesu ging. Und die Sache Jesu, das sei ihre Zukunft - sagten sie.

 

 

 

Ich erwachte - und ich sah eine Kirche, in der vieles, fast alles nicht so ist. Ich verzweifelte, resignierte, wollte zurück in meine Traumwelt –

 

da wurde ich belehrt:

 


"Dein Traum ist alt, 2.000 Jahre alt; aufgeschrieben von Matthäus und Markus, Lukas und Johannes, Paulus und Petrus, in vielen Kapiteln und Versen."

 

 

 

Und ich sah: Mein Traum stand da geschrieben: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe."

 

Und ich begriff: Träume lassen leben, für Träume läßt's sich leben.

 

W. Schumacher

 

VERSÖHNUNGSLITANEI

Versöhnungslitanei aus Coventry

In der Nacht vom 14./15. November 1940 zerstörte ein deutscher Bombenangriff die englische Stadt Coventry, die damit zum Zeichen eines sinnlosen und mörderischen Vernichtungswillens wurde. Nach dem Krieg wurde sie Ausgangspunkt einer weltweiten Versöhnungsbewegung mit dem Symbol des aus drei Nägeln der zerstörten Kathedrale gebildeten "Nagelkreuzes". Die Ruine der Kathedrale wurde zum Begegnungszentrum. Hier wird jeden Freitagmittag die 1959 formulierte Versöhnungslitanei gebetet:

"Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes,
den sie bei Gott haben sollten." (Röm 3,23)
Wir alle haben gesündigt und mangeln des Ruhmes,

den wir bei Gott haben sollten.

Darum laßt uns beten:
Vater, vergib!
Den Haß, der Rasse von Rasse trennt,
Volk von Volk, Klasse von Klasse:

Vater, vergib!
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker,
zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:

Vater, vergib!
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt
und die Erde verwüstet:

Vater, vergib!
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:

Vater, vergib!
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:

Vater, vergib!
Den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet:

Vater, vergib!
Den Hochmut, der uns verleitet,
auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich:

Vater, vergib!
Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen,
dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben.

Darum bitten wir um Christi willen.
"Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einem dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus." (Eph 4,32)

Versöhnungslitanei aus Coventry, in: EG Rheinland 879.



BEFREIUNG

M. Albus, Paulo Evaristo Arns

Befreiung heißt wirklich, was Christus gesagt hat: Daß er gekommen ist, damit die Menschen wieder hören können, wieder sehen können, wieder gehen können, wieder in Gemeinschaft leben können, wieder atmen können, wieder leben können. Leben - im umfassenden Begriff dessen, was Leben heißt, mit allem, was drinsteckt. Ich will sagen: Wenn so Befreiung nicht geschehen kann, was heißt dann überhaupt das Wort Befreiung in der Bibel und in der ganzen Geschichte der Menschheit? Wir müssen unser Leben dafür einsetzen, daß das Volk befreit wird von all diesen Übeln. Und wirklich hoffen kann und neu leben kann. Das wird auch geschehen.

M. Albus, Paulo Evaristo Arns. Ich trage keinen Purpur, Düsseldorf (Lebenswege, Bd. 3) 1985,

zitiert nach: Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese (II), Zürich und Düsseldorf: Walter Verlag 6. Aufl. der Sonderausgabe 2001.



EINE GUTE NACHRICHT FÜR ARME

Internet

Die Dalits sind in der indischen Gesellschaft die Ausgestoßenen. Sie haben am meisten unter dem Kastensystem zu leiden: jener starren sozialen Schichtung, die sich auf Vorstellungen ritueller Reinheit beziehungsweise Unreinheit gründet.
Im Kastensystem werden die Kasten in "höher" und "niedriger" eingestuft. Die Dalits gelten als die, die am wenigsten rein sind und die am meisten verunreinigen. Sie stehen deshalb sogar außerhalb des Kastensystems und wurden oft als "Unberührbare" bezeichnet. Durch das Kastenwesen sind die Dalits sozial ausgegrenzt, politisch unterrepräsentiert, wirtschaftlich ausgebeutet und kulturell unterjocht. Fast 80 Prozent der indischen Christen haben einen Dalit-Hintergrund.
Obwohl die Kirchen in Indien im 20. Jahrhundert eine außerordentlich positive Entwicklung genommen haben, bleiben sie doch getrennt durch Unterschiede in Lehre und Bekenntnis. Diese Trennung ist Teil des europäischen Erbes. Verschärft wird die Uneinigkeit in den Kirchen und zwischen ihnen durch das Kastensystem. Ebenso wie Apartheid, Rassismus und Nationalismus stellt das Kastenwesen eine
schwere Herausforderung für die Einheit der Christen in Indien und so für das glaubwürdige Zeugnis von der Kirche als dem einen Leib Christi dar.

Aus: Materialien zur Gebetswoche für die Einheit der Christen 2013: Mit Gott gehen

www.oikoumene.org/fileadmin/files/wcc-main/documents/p2/2013/WOP2013ger_Einfuehrung.pdf



MACH UNSER LEBEN ZU EINEM FEST

                                                                                                                                     Ilse Pauls

Wir haben keinen Wein mehr!
Keine Hoffnung, keinen Glauben,
keine Liebe.
Unsere Krüge sind leer,
ausgeronnen,
alles verschenkt,
alles vergeudet. –
Wir sind wie
ausgebrannte Tonkrüge. –
Mühsam holen wir Wasser
von weit her.
Ein gewöhnliches Wasser
unseres Lebens.
Verwandle Du es
in den Wein der Liebe,
in köstlichen Frohsinn,
in überschäumendes Lachen.
Mach unser Leben zu einem Fest.

Aus: Ilse Pauls, Der innere See, Internationaler Literatur und Lyrik Verlag, Wien 1993 (2. Aufl. 1996).  



BEGABT? BEGABT!Beatrix Senft

schaue dich an
nimm dir Zeit

sieh auf deine Fähigkeiten
auf deine Begabungen

schaue dich an
beschenkt bist du
mit so vielen Möglichkeiten

sei bereit sie einzusetzen

für DICH
und
für die Menschen
denen du
begegnen darfst

in den Kleinigkeiten des Alltags
            dem traurig vor sich hin trottendem Kind auf dem Schulweg
            dem du dein dir eigenen Lächeln schenkst
            dass es freudig und aufgemuntert weitergehen mag

            der alten Dame an der Kasse
            der du den Vortritt lässt

aber sei auch mutig

schau sie dir an
deine großen Begabungen

            deine Fähigkeit Menschen zu begeistern

            deine Kreativität
            im Ausdruck von Farben und Formen
            die andere erfreut

            deine Sprachbegabung
            die anderen hilf
            ins Wort zu kommen

            dein Sachwissen
            das andere anregt zu forschen
            das andere reizt die Welt zu entdecken

schau dich an
und sei bereit
all dies zum Wohle aller

E I N Z U S E T Z E N

im Täglichen
in Gesellschaft und Politik
in Kirche und Gemeinde

und

lass dich nicht schrecken
von keinem auf Erden

du darfst dir all dessen
bewusst sein
und es leben

du darfst es

            AUSLEBEN

denn dazu

sind dir all diese Gaben geschenkt
sind gleichsam Gottes Auftrag an dich

lass dich nicht schrecken
von den selbsternannten
„Weisen“ und „Geweihten“

wir alle sind

beschenkt

und dürfen
JA SOLLEN
unsere Begabungen leben

auch gegen Widerstand

Beatrix Senft (2022)



AN DIR HABE ICH GEFALLEN

Claudia Simonis-Hippel

"DU,
du bist meine Tochter, mein Sohn,
der Geliebte.
An dir habe ich Gefallen."

DU -
ich spreche dich mit deinem Namen an
ich habe dir etwas zu sagen

Du -
dich meine ich
dich selber
ohne alles Drumherum
ohne Leistung und Intelligenz
ohne Ausbildung und Beruf
ohne Kreativität und Engagement
ohne deine Familie
ohne alles, auf was du stolz bist
ohne dass es dir gut geht
ohne dass du dir Mühe gibst
auch wenn du schwach und krank bist
auch wenn du traurig und müde bist
auch wenn du gereizt und wütend bist
auch wenn du grundlose Angst hast

du bist -
deine bloße Existenz ist Grund genug
vor aller Leistung
trotz allen Versagens

meine Tochter, mein Sohn -
du hast deinen Ursprung, deine Wurzel in mir
ich habe dich so gewollt und geschaffen
ich bin und bleibe dir Vater und Mutter
ich verlasse dich nicht
ich sorge für dich
ich beschütze dich
ich stärke dir den Rücken
ich traue dir zu, dass du auf eigenen Füßen stehst
meine Tochter, mein Sohn

Geliebte -
meine Liebe gilt dir
von Anfang an und für alle Zeit
aus meiner Liebe kannst du nicht herausfallen,
egal, was du tust

An dir habe ich Gefallen -
an deinem innersten Wesen habe ich meine Freude
du gefällst mir
so wie du bist

DU bist meine Tochter, mein Sohn, der Geliebte.
An dir habe ich Gefallen.

Claudia Simonis-Hippel, in: Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Gottes Volk Lesejahr C 2/2006. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2006, S. 42-54.



WASSER: WOHLTAT FÜR ALLES, WAS LEBT.

Werner Eizinger

Aus dem Wasser kommt alles Leben,
auch was sich heute an Land
und in den Lüften tummelt.
Wasser ist ein Bild für das Leben.
In der Natur ständig sich ändernd
in Farbe und Gestalt,
Felsen aushöhlend
und Steine abschleifend:
unbändige Kraft.
Trägt Leben in sich,
nährt Pflanze und Fisch
und was sonst noch sich in ihm regt.
Nach schweißtreibender Wanderung
schöpf ich davon,
brennenden Durst zu löschen
und labe ermüdete Füße
in dem kühlen erfrischenden Nass.
Wasser: Wohltat für alles, was lebt.
An heißen Tagen spring ich hinein,
darin zu schwimmen, zu tauchen.
Wasser ist unser wichtigstes Nahrungsmittel.
Wir brauchen es als Getränk,
zum Kochen und Backen.
Wasser brauchen wir zur Reinigung
des Körpers und der Wäsche.
Wasser - ein Sinnbild des Lebens,
köstliche Gabe Gottes für uns.
Doch seinen Wert lernen wir meistens erst schätzen,
wenn es uns fehlt.

Mit Wasser wurden wir getauft,
von aller Schuld gereinigt,
auf dass neues Leben in uns gedeihe,
Leben mit Christus.
Mit Gottes Geist in der Taufe begabt,
auf dass göttliches Leben in uns gedeihe.
Leben mit Christus, der sagt:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Leben mit Christus - ewiges Leben.

Werner Eizinger, Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, Regensburg 2008.



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Helene Renner (2022) - sei wie Feuer

Wenn du getauft bist
dann sei wie Feuer
glühend in Lust und Liebe
brennend für neue Ideen
lodernd in den Flammen der Fantasie
und voll Leidenschaft für deine Aufgabe

Wenn du getauft bist
dann sei wie Wasser
klar und tief in den Gedanken und Gefühlen
sprudelnd vor Lebendigkeit
und überströmend in Freundschaft und Güte

Wenn du getauft bist
dann sei wie Luft
leicht und frei für das Spiel deiner Träume
durchlässig für das Licht, das neu aufbricht
und wie kraftvoller Atem, der lebendig macht

Wenn du getauft bist
dann sei wie Erde
fest und sicher in deinen Schritten
in deinen Entscheidungen und Zielen
fruchtbar für das Aufkeimen neuer Hoffnung
und für das Wachsen und Aufblühen
von tiefem Glauben
und umfassender Liebe

                                                          Claudia Simonis-Hippel (2013)



1. JANUAR

Chiara Lubich

Es gibt Tage, an denen es besser, und andere, an denen es schlechter geht. Doch manchmal merken wir, dass es gar nicht so sehr auf Erfolg oder Misserfolg ankommt, sondern darauf, wie wir unser Leben gestalten. Und die Frage nach dem Wie ist eine Frage nach der Liebe: Sie allein gibt allem Wert...

Beginnen wir also jeden neuen Tag mit Zuversicht, bei Unwetter oder Sonnenschein. Erinnern wir uns daran: Jeder Tag ist so viel wert, wie wir Gottes Wort in uns aufnehmen. Christus möchte in uns leben ... Er in uns vollbringt die Werke, die uns ins endgültige Leben begleiten (vgl. Offenbarung 14, 13). Erstaunt werden wir feststellen, wie das Wort Gottes, die Wahrheit uns frei macht (vgl. Johannes 8, 32. 36).

Aus: Chiara Lubich, Die große Sehnsucht unserer Zeit, Jahreslesebuch, München 2008.

Ein Prosit Neujahr 2022!

Ich wünsche Euch allen
ein gesegnetes Jahr,
gesundes und behütetes Leben,
eine gute Zeit und Tage mit erfüllten Stunden,
ein fröhliches Gesicht und ein Lächeln,
das aus dem Herzen kommt.
Lass unser aller Leben in Gottes Hand ruhen,
so geborgen in Gottes Hand.

LEGE DEINE HAND IN GOTTES HAND

Aus China

Ich sagte zu einem Engel,
der an der Pforte des neuen Jahres stand:
“Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes
Der Ungewissheit entgegengehen kann.“
Aber der Engel antwortete:
“Geh nur hin in die Dunkelheit
und lege deine Hand in die Hand Gottes.
Das ist besser als ein Licht
und sicherer als ein bekannter Weg.“

Worte einer chinesischen Christin. Aus: Eva Dicks (Hg.), Es kam ein Engel hell und klar. Ein Lesebuch zu Advent und Weihnachten, Kevelaer: Verlag Butzon & Becker 2005, Topos plus Taschenbücher 562.



GEH DEINEN WEG

Hermann Multhaupt

Irischer Segen aus dem Jahre 1692, auch für das neue Jahr

Geh deinen Weg ruhig - mitten in Lärm und Hast,
und wisse, welchen Frieden die Stille schenken mag.

Steh mit allen auf gutem Fuße, wenn es geht,
aber gib dich selber nicht auf dabei.

Sage deine Wahrheit immer ruhig und klar
und hör die anderen auch an,
selbst die Unwissenden, Dummen - sie haben auch ihre Geschichte.

Laute und zänkische Menschen meide.
Sie sind eine Plage für dein Gemüt.

Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst,
wisse, dass Eitelkeit und Bitterkeit dich erwarten.
Denn es wird immer größere und geringere Menschen geben als dich.

Freu dich an deinen Erfolgen und Plänen.
Strebe wohl danach weiterzukommen, doch bleibe bescheiden.
Das ist ein guter Besitz im wechselnden Glück des Lebens.

Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften.
Die Welt ist voll Tricks und Betrug.
Aber werde nicht blind für das, was dir an Tugend begegnet.

Sei du selber - vor allem:
heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst.
Doch denke nicht verächtlich von der Liebe, wo sie sich wieder regt.
Sie erfährt soviel Entzauberung, erträgt soviel Dürre
und wächst doch voller Ausdauer, immer neu, wie das Gras.

Nimm den Ratschluss deiner Jahre mit Freundlichkeit an.
Und gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.

Pflege die Kräfte deines Gemüts,
damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft,
aber überfordere dich nicht durch Wunschträume.
Viele Ängste entstehen durch Enttäuschung und Verlorenheit.

Erwarte eine heilsame Selbstbeherrschung von dir.
Im übrigen aber sei freundlich und sanft zu dir selbst.

Du bist ein Kind der Schöpfung,
nicht weniger wie die Bäume und Sterne es sind.
Du hast ein Recht darauf, hier zu sein.

Und ob du es merkst oder nicht -
ohne Zweifel entfaltet sich die Schöpfung so, wie sie es soll.

Lebe in Frieden mit Gott, wie du ihn jetzt für dich begreifst.
Und was auch immer deine Mühen und Träume sind
in der lärmenden Verwirrung des Lebens -
halte Frieden mit deiner eigenen Seele.

Mit all ihrem Trug, ihrer Plackerei und ihren zerronnenen Träumen -
die Welt ist immer noch schön!

Hermann Multhaupt, Möge der Wind immer in deinem Rücken sein. Alte irische Segenswünsche. Bergmoser + Höller Verlag, Aachen 1995.

MARIA

Pedro Casaldáglia

Das Wort wollte nicht nur Gott sein,
darum nahm es sich von mir
das Fleisch, das den Menschen macht,
und ich sagte ja, ich wollte nicht nur Mädchen sein.

Das Wort wollte nicht nur Leben sein,
darum nahm es sich von mir
das Fleisch, das den Tod erschafft,
und ich sagte ja, ich wollte nicht nur Mutter sein.

Aber, um ewiges Leben zu sein,
nahm sich das Wort von mir,
das Fleisch, das aufersteht,
und ich sagte ja; ich wollte nicht nur sein vergängliche Zeit.

Pedro Casaldáliga (Brasilien)



Ich wünsche dir Zeit

 

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.

 

Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:

 

Ich wünsche dir Zeit, dich zu freuen und zu lachen,

 

und wenn du sie nützt, kannst du etwas d’raus machen.

 

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,

 

nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.

 

Ich wünsche dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,

 

sondern die Zeit zum Zufriedensein können.

 

Ich wünsche dir Zeit, nicht nur so zum Vertreiben.

 

Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben -

 

als Zeit für das Staunen und Zeit zum Vertrauen,

 

anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schauen.

 

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,

 

und Zeit, um zu wachsen, das heißt um zu reifen.

 

Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.

 

Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

 

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,

 

jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.

 

Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.

 

Ich wünsche dir: Zeit zu haben - zum Leben.

 

Aus: Elli Michler, Ich wünsche dir Zeit für ein glückliches Leben (Die beliebtesten Gedichte von Elli Michler) Don Bosco Verlag, München, 2011

 

ZUM NEUEN JAHR

Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut!
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar:
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1831)

in: Judith Sixel (HG.), Poesie für jeden Tag. Jahreslesebuch. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2007.


NACHDENKEN AM JAHRESENDE

Phil Bosmans

Ein Jahr geht zu Ende. Was ist dir von ihm geblieben?
Vielleicht Enttäuschungen und Misserfolge,
ein Haufen Ärger und graue Haare.
Vielleicht ein leiser Schmerz im Herzen,
weil alles so schnell gegangen ist?
Fühlst du vielleicht zum ersten Mal, dass jedes Jahr
von deinem Leben ein Stück abschneidet?
Denk mal ruhig darüber nach. Es kann ja nicht schaden,
wenn du ein paar Illusionen los wirst.
Aber es wäre eine Katastrophe, solltest du den Mut verloren
haben und den Glauben an das kommende Jahr.
Suche weiter nach Frieden.
Suche nach unbelasteter Verbindung zu Gott.
Er kann dir die leeren Hände füllen und das leere Herz.

Aus: Phil Bosmans, Leben jeden Tag. 365 Vitamine für das Herz. Übertragen und herausgegeben von Ulrich Schütz. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008 (1999).



EINE GUTE NACHRICHT

Antonio Sagardoy

Weihnachten erinnert uns an einen guten Gott, der die Nähe des Menschen sucht, um ihn wieder zu einem Menschen im vollen Sinn zu machen. Weihnachten führt uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes vor Augen und erinnert uns zugleich an die Verwandlung, die im Herzen des Menschen geschehen kann, wenn er sich auf Gott einlässt.

Aus: Antonio Sagardoy, Weihnachten anders, Wien, 2009.



VERRÜCKTE WEIHNACHTEN

Johann Pock, Hans Pock

Gott muss verrückt sein!
Da ist er der Schöpfer der ganzen Welt,
lebt im Himmel,
umgeben von Engeln und Heiligen.

Und was macht Gott?
Er wird Mensch!
Er steigt aus der Unendlichkeit
in die Endlichkeit,
aus der Ordnung in das Chaos,
aus dem Paradies auf die Erde.

Damit aber
macht Gott auch die Menschen verrückt:
er ver-rückt sie in seine Nähe
er rückt ihre Schuld zurecht
er ent-rückt sie aus der Todessphäre.

Der Sohn Gottes in einer Krippe,
der Allmächtige als hilfsbedürftiges Kind
zeigt, dass man als gläubiger Mensch
wohl ein bisschen verrückt sein muss.

Aber gerade als Verrückte
sind wir Gott ähnlich,
und Weihnachten ist das Fest
eines verrückten Gottes.

(Johann Pock, Weihnachten 2017)

BETHLEHEM

Wilhelm Gössmann

Abseits der Menschenwelt
bei einer Viehherde
in der Krippe
geboren

Jubel und Glanz
aus der Höhe
und Gesänge des Friedens
über der ganzen Erde

Hirten -
die das Menschenleben
aus den Ängsten der Tiere kennen

Magier -
die das Menschenleben
aus dem Lauf der Gestirne deuten

Beschnitten
nach jüdischem Brauch
freigekauft im Tempel
mit zwei Turteltauben

Abseits der Menschenwelt
bei einer Viehherde
in der Krippe
geboren

Wozu er heranwuchs -
verborgen
unverschwendet
tiefstill

Aus: Wilhelm Gössmann, Es weihnachtet sehr. Weihnachten mit der Poesie entdecken. Topos plus Verlagsgemeinschaft, Kevelaer 2001.

 

SAGE, WO IST BETHLEHEM?

Rudolf Otto Wiemer

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen, mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.

Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jetzt und hier.

Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jederzeit.

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.

Rudolf Otto Wiemer in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.



 

 

 

 

 

AUFMACHEN

Beatrix Senft

mich aufmachen
wie Maria

die Mühsal
des Weges
auf mich nehmen

das
was ich
in mir trage
wohlwollend
annehmen

nach rechts und links
schauen
wahrnehmen
was mir
im Unterwegssein
geschenkt wird

mich freuen
auf Begegnung
auf Zuspruch hoffen

erfahren dürfen
dass all das
was in mir heranwachsen will
vor Freude hüpft
wie das heranwachsende Kind

dass es sich entfalten will
dass es groß werden will
in mir

all dem Raum geben
dass es sich gebären kann
in mein ganzes SEIN

erhoffen
dass auch ich erfahren darf:

Selig
die du glaubst
dass sich erfüllt
was der Herr dir zuspricht


adventlich
unterwegs sein

Gottes Verheißung
ein Ankommen
ermöglichen

Beatrix Senft (2021)

ADVENT

Verfasser unbekannt

Wie wünschte ich, dass es Advent wird in dir.
Wie wünschte ich, bei dir zu wohnen,
vertraut zu sein mit dir und alle Last mit dir zu teilen.
Sieh, ich komme dir entgegen
in allen deinen Wünschen, ich, dein Gott.

Wie wünschte ich, dass es Advent wird in dir.
Wie wünschte ich, dass du deine Abweisung
und kalte Verschlossenheit aufgäbst
und mir wieder in die Augen schaust.
Sieh, ich komme dir entgegen
auf allen deinen Wegen, ich, dein Gott.

Wie wünschte ich, dass es Advent wird in dir.
Wie wünschte ich, dass du mich hineinlässt
in deine Trauer und Nacht.,
deine Niederlagen und deine verrinnende Zeit.
Siehe, ich komme dir entgegen
in allen deinen Gefangenschaften, ich, dein Gott.

Wie wünschte ich, dass es Advent wird in dir.
Wie wünschte ich, in deiner Stadt, deiner Straße,
deinem Haus, deinem Herzen, neu geboren zu werden.
Siehe, ich komme dir entgegen
von der Ewigkeit der Ewigkeiten her, ich, dein Gott.

Verfasser unbekannt

WANN IST ADVENT?

                                               Paul Weismantel

Wenn Dunkelheit sich allmählich lichtet,
wenn jemand auf Vergeltung verzichtet,
wenn Vergessenes wieder aufleuchten will,
wenn Verborgenes erscheint, zärtlich und still:

Wenn Geschwätziges leise und sacht verstummt,
wenn das Herz ein Lied der Sehnsucht summt,
wenn Menschen sich als Geschwister erkennen,
wenn sie einander Bruder und Schwester nennen:

Wenn müde Augen zu leuchten beginnen,
wenn wir uns auf Jesu Kommen besinnen,
wenn Gottes Charme unsre Sinne berührt,
wenn ein Engel uns zur Weihnacht hinführt:

...dann ist Advent

FREUDE

Rabindranath Tagore

Jeder hat etwas von einem Dichter in seinem Herzen, das in der Erfahrung der letzten Wirklichkeit Erfüllung sucht. Der Mensch empfindet Freude, weil die Blumen blühen und der Himmel blau und das Wasser klar ist. Nicht weil sie nützlich und profitabel sind, wie Scheckbücher und Maschinen, sondern weil sie sind, was sie sind. Der Dichter in unserem Herzen wird von Gott als Dichter inspiriert. Im Morgenrot, im grünen Gras und im Leben spendenden Wasser spricht er zu uns als Freund, der Antwort sucht in unserer Freude. Ich bin mir sicher, dass er glücklich ist wie ein sterblicher Dichter, wenn wir uns an seiner Schöpfung erfreuen.

Aus: Rabindranath Tagore, Indische Weisheiten für jeden Tag. Übersetzt und herausgegeben von Axel Monte. O.W. Barth Verlag der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2006.



ADVENT – ANKUNFT

Beatrix Senft

Ankunft im Glauben
Ankunft bei mir selbst
Ankunft im Miteinander

Advent –
auf dem Weg zur Weihnacht
mich von Gott beschenken lassen
andere beschenken

erkennen
womit ich wirklich beschenkt bin -
und
staunen

Beatrix Senft, unveröffentlicht.


GEWAGTES LEBEN

Andrea Wilke

Rufer in der Wüste
wird er genannt 
der junge Mann,
der nur von dem lebte,
was die Natur hergab; 
der selbst ein Gerufener war,
berufen,
das Heil zu verkünden;
der Vorläufer dessen,
der das Heil der Welt ist. 
Der Rufer in der Wüste,
hat alles dafür gegeben,
seine besten Jahre. 
Und lässt am Ende
seines kurzen Lebens
nachfragen:
"Bist du es, der da kommen soll?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?" 
Der scheinbar Unerschütterliche,
der Starke und Unbeugsame,
der von Gott ausdrücklich Gerufene
ist Glaubender,
Anfragender,
nicht Wissender. 
Woher nehmen wir die Gewissheit,
dass unser Leben so richtig ist
wie es ist?

Andrea Wilke auf www.bistum-erfurt.de

HIER BIN ICH

unbekannte Herkunft

Hier bin ich,
Gott, vor Dir.
So wie ich bin.

Ich öffne mich Deiner Nähe.
Deine Lebenskraft fließt in mir,
mein Atem,
der mich trägt und weitet ...
lass Ruhe in mich einkehren ...

Hier bin ich,
Gott, vor Dir.
So wie ich bin.

Mit meiner Anspannung, meiner Freude,
meiner Traurigkeit und Enttäuschung.
Mit meiner Wut und meiner Ungeduld.
Mit meinem Stolz.
Mit meiner Sehnsucht.

Gott, Quelle des Lebens,
reinige mich,
erneuere mich.
Heile mich.

Quelle unbekannt in: Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Herausgegeben von Benedikta Hinterberger OP, Andrea Kett, Hildegund Keul, Aurelia Spendel OP. Schwabenverlag / KlensVerlag, Ostfilder 2010.



GEBET FÜR ARM- UND KLEINGEMACHTE MENSCHEN

Irmlind Rehberger OSF

Du, unser Gott, bist ein Gott des Lebens,
ein Gott, der eine Vorliebe hat für arm- und kleingemachte Menschen,
für Menschen, die am Rand stehen.
Ich bringe dir die Frauen, mit denen ich eine Wegstrecke ihres Lebens gehe
und die, wenn sie auf ihr Leben schauen,
einen Scherbenhaufen vor sich sehen:
zerbrochene, kaputtgegangene Beziehungen,
den zerbrochenen Traum von einem geglückten, sinnvollen Leben,
gescheiterte Pläne und Perspektiven.
Und ich bringe dir, Gott, ihre große Sehnsucht
nach heilwerden und ganz sein.
Du bist ein Gott des Lebens, ein Gott, der rettet, befreit und heilt.
Schenke Begegnungen, Erfahrungen,
die neue Hoffnung geben,
die Kraft und Mut wachsen lassen für einen Neuanfang,
und lass sie Menschen finden, die ihren Neuanfang liebevoll begleiten.
Du, Gott des Anfangs, segne sie!

Irmlind Rehberger OSF in: Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Herausgegeben von Benedikta Hinterberger OP, Andrea Kett, Hildegund Keul, Aurelia Spendel OP. Schwabenverlag / KlensVerlag, Ostfilder 2010.



Meditation

 

Meinen Glauben kann ich nicht weitergeben -

 

wie eine Formel zum Auswendig lernen,

 

ich kann ihn nicht weitergeben wie ein Lehrstück.

 

Meinen Glauben kann ich nicht beweisen wie eine Urkunde den Besitz,

 

ich kann ihn nicht beweisen wie ein Foto.

 

 

 

Meinen Glauben kann ich nur bezeugen -

 

bezeugen mit meinem eigenen Leben,

 

im Miteinander und Voneinander leben,

 

im Lachen und Reden, im Weinen und Trösten,

 

im Geben und Nehmen, im Streiten und Versöhnen,

 

im Widersprechen und Einig sein, im Vermissen und Lieben,

 

im Aufbrechen zu einem gemeinsamen Weg.

 

 

 

Aufbrechen zu einem gemeinsamen Weg mit Christus -

 

obwohl der Weg nicht klar sichtbar ist,

 

obwohl das Ziel in der Ferne liegt, obwohl nicht alle mitgehen,

 

obwohl Gewohntes zurück bleibt, obwohl die Wirklichkeit unserer Welt,

 

die Suche nach der Wahrheit, oft beschwerlich macht.

 

Aufbrechen zu einem Weg mit Jesus Christus und ihn im Herzen hören.

 

Aufbrechen zu einem Weg mit Jesus und zur Mitte finden,

 

denn nur dort kann sie spürbar werden, die Wahrheit.

 

 

 

Aufbrechen zu einem Weg mit Jesus

und das Herz öffnen für die Wahrheit,

die Wahrhaftigkeit des Friedens und der Barmherzigkeit.

 

 

 

DAS LEIDEN GOTTES

Phil Bosmans

Der Gott des Christentums ist hinabgestiegen in die tiefsten Keller der Menschheit, wo Tag für Tag Hass geboren und genährt wird und mit dem Hass alle Ungerechtigkeit. Gott ist dorthin hinabgestiegen, wo Menschen einander ablehnen, ausbeuten, quälen, wo sie einander nach dem Leben trachten. Gott hat sich mit allen Opfern identifiziert, wo auch immer in der Welt.

Die Geschichte Gottes wird geschrieben zwischen Krippe und Kreuz. Die Geschichte von einem, der bei den Menschen keinen Platz findet, von einem Flüchtlingskind, von einem Unbewaffneten, einem Wehrlosen, der verfolgt und verhöhnt wird, gefoltert und gekreuzigt, weil er für Arme und Schwache eintritt mit einer Botschaft der Güte und Liebe, des Friedens und der Versöhnung.

Gott leidet und stirbt noch immer jeden Tag in jeder Lieblosigkeit, Unverträglichkeit und Ablehnung von Menschen durch Menschen. Der Gott des Christentums ist ein machtloser Gott. Er hat sich ausgeliefert in die Hände von Menschen.

 

 

ZUKUNFTAurelia Spendel OP

Gott unserer Zukunft,
Du hältst die Fäden in der Hand,
Du drängst Dich auf,
Du bist still nah,
Du siehst so weit,
Du hörst unseren Schrei,
Du bist da.

Lass uns Dir zutrauen,
unser Leben zu entwirren,
die Sorge zu vertreiben,
Schritte im Dunkeln
zu gehen mit uns.

Lass uns Dir zutrauen,
uns kundig die Füße zu waschen,
uns sicher zu halten,
uns spüren zu lassen,
dass Du nur Gutes willst.

(Ein neues Jahr,)
ein neuer Anfang,
Dein Abdruck und Atem schon jetzt.

Aurelia Spendel OP in: Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Herausgegeben von Benedikta Hintersberger OP, Andrea Kett, Hildegard Keul, Aurelia Spendel OP, Schwabenverlag /Klens Verlag, Ostfildern 2010.

DU KANNST NICHT TIEFER FALLEN

Arno Pötzsch

Du kannst nicht tiefer fallen
als nur in Gottes Hand,
die er zum Heil uns allen
barmherzig ausgespannt.

Es münden alle Pfade
durch Schicksal, Schuld und Tod
doch ein in Gottes Gnade
trotz aller unsrer Not.

Wir sind von Gott umgeben
auch hier in Raum und Zeit
und werden in ihm leben
und sein in Ewigkeit.

Arno Pötzsch (1941) in: EG 533.



SEGENAndrea Schwarz

komm wir bitten dich
komm und segne uns

sei uns licht
im dunkel

sei der leise ton
in all dem lärm

sei die stimme
die erinnert

sei die hand
die sanft berührt

sei der geist
der mich atmen lässt

sei
mein gott

ich bin
bereit

deinen weg
zu gehen

dem leben
entgegen

Aus: Andrea Schwarz, Du Gott des Weges segne uns. Gebete und Meditationen. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2008.

Der Herr segne uns
und stehe und bei in Zeiten der Not.
Er überlasse uns nicht dem Abgrund der Hoffnungslosigkeit
und sei uns Schutz und Halt,
wenn wir die Enge der Verzweiflung spüren.
Er halte seine Hände über uns,
der Hüter Israels und aller, die ihm vertrauen.
Er führe uns durch den Tunnel der Dunkelheit ins Licht neuer Hoffnung.
Er lenke unseren Blick auf die Weite des Himmels,
die uns ahnen lässt seine Grösse und Weisheit und die Vielzahl seiner Wege.
So segne uns auf die Fürsprache aller Heiligen
der allmächtige und gütige Gott, Vater, Sohn und Hl. Geist.

(nach Herbert Jung, Gottes sanfte Hände über dir. Segensgebete für Gemeinde und Familie, Freiburg)



 

  • 3

Helene Renner (2020)

Heilig werden wir,
wenn wir füreinander das Brot brechen.

Heilig werden wir,
wenn wir bereit sind miteinander zu teilen.

Heilig werden wir,
wenn wir uns von den anderen beschenken lassen.

Heilig werden wir,
wenn wir aufeinander hören.

Heilig werden wir,
wenn wir uns den Mitmenschen zuwenden.

Heilig werden wir,
wenn wir einander die Hand zur Versöhnung reichen.

Heilig werden wir,
wenn wir den Frieden suchen.

Heilig werden wir,
wenn die Liebe unser Leben bestimmt.

Heilig werden wir,
wenn wir tun,
was uns Jesus vorgelebt ha


SELIG
die das Wohl der Anderen lieben wie ihr eigenes
denn sie werden ihren Egoismus überwinden

SELIG
die immer bereit sind den ersten Schritt zu tun
denn sie werden für Frieden und Einheit sorgen

SELIG
die nie sagen: jetzt ist Schluss
denn sie werden einen neuen Anfang finden

SELIG
die zuerst hören und dann reden
denn man wird ihr Wort aufnehmen

SELIG
die eine andere Meinung gelten lassen
denn sie werden integrieren und vermitteln können

SELIG
die ihre Macht nie missbrauchen
denn sie werden geachtet werden

SELIG
die unterliegen und verlieren können
denn

dann kann GOTT gewinnen

nach einem unbekannten Verfasser

 

 

 

 

 

DER ORT DER GEMEINDE

Lothar Zenetti

Wo man andere liebt, ist der Ort der Gemeinde,
die sich nach Christus nennt.
Wie er soll sie teilen
ihr Leben und heilen
die Kranken und Krummen
die Blinden uns Stummen
sie soll sich erbarmen
der Schwachen und Armen
Wo die Liebe geschieht, hat das Elend ein Ende,
da wird die Erde neu.

Wo man Unrecht bekämpft, ist der Ort der Gemeinde,
die sich nach Christus nennt.
Wie er soll sie sprechen
für Recht und zerbrechen
die Herrschaft der Klassen
die Allmacht der Kassen
den Dünkel der Rassen
den Stumpfsinn der Massen
Wo Gerechtigkeit wird, hat das Elend ein Ende,
da wird die Erde neu.

Wo Versöhnung geschieht, ist der Ort der Gemeinde,
die sich nach Christus nennt.
Wie er soll sie künden
Vergebung der Sünden
inmitten von Waffen
soll Frieden sie schaffen
versöhnen die Feinde
als seine Gemeinde.
Wo der Friede entsteht hat das Elend ein Ende,
da wird die Erde neu.

Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2006.